Dienstag, 29. Dezember 2015

Dolce Vita = Deutsche Vita


Dolce Vita = Deutsche Vita

„Sag mal, Pedro! Ich habe gehört, dass es bei Euch in Spanien so etwas wie eine Pause namens Siesta gibt. Kannst Du mir genau beschreiben, wie Dein normaler Tag in Madrid abläuft, um das verstehen zu können?"

Ich und Pedro  saßen in einem Cafe in der Oranienstrasse in Kreuzberg und genossen die ausgelassene Stimmung am Montagvormittag. 

„Claro!", antwortete Pedrito, wie ich ihn nannte, und nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee. Er war 35 Jahre alt und hatte kurze, dunkle, lockige Haare und eine Adlernase.

„In Spanien stehe ich um 8 Uhr auf. Dann nehme ich eine Dusche. Danach frühstücke ich und ab zur Arbeit."

„Und dann?", fragte ich ungeduldig. Ich wollte mehr über die spanische Lebensweise erfahren.

„Danach trinke ich am Arbeitsplatz eine zweite Tasse Kaffee, lese die Tageszeitungen und verabrede mich mit Kollegen zum Mittag." 

„O.K. und was machst Du nach dem Mittagessen?"

„Nach dem Essen geht jeder von uns nach Hause und ruht sich für ein paar Stunden aus. Das nennen wir Siesta."

„O.K. Pedrito! Und nach der Siesta?"

"Nach der Siesta gehe ich zurück zur Arbeit. Dort trinke ich eine weitere Tasse Kaffee, mache ein paar Telefonate und verabrede mich mit Freunden zum Abendessen."

„O.K. und dann?"

„Danach fahre ich nach Hause zu meiner Frau.“

Pedro nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee, lächelte mich an und fragte:

 „Wie ist es bei Euch in Bulgarien?"

Ich dachte kurz nach, bevor ich ihm antwortete. Ich wollte es möglichst kurz und einfach beschreiben.

„In Bulgarien ist es ungefähr das Gleiche, aber ohne den ganzen Stress!"

Pedro schaute mich nachdenklich an, nickte mit seinem Kopf, stand auf und sagte mit fröhlicher Stimme: 

Amigo, Vergiss die spanische Siesta! Vergiss die stressfreie, bulgarische Arbeitsweise! Wir leben hier und jetzt. Schau Dich um! Heute ist der Montag, der 5.März. Jetzt ist 11:15 Uhr vormittags! Wir sind in Berlin! Dieses Café und die meisten Cafés rund herum sind voll mit Menschen. Siehst Du, Amigo, was ich sehe?! Mann und Frau, jung und alt sitzen herum und genießen ihre Zeit. Keiner geht zur Arbeit. Jeder ist ein Künstler! Ich sage Dir: Dolche Vita = Deutsche Vita! Lass uns darauf trinken!"

„Du hast Recht, Pedrito! Mit Kaffee geht das aber nicht. Lass uns zwei Gläser Wein holen!", antwortete ich und begab mich zur Theke.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Private Reading zu Weihnachten



Erste Veröffentlichung beim Diogenes Verlag

Eine meiner Weihnachstgecshichten wurde in die Weihnachtsanthologie "Diesmal schenken wir uns nichts" beim Diogenes Verlag im November 2015 veröffentlicht.

Es ist eine große Freude für mich, neben einem meiner Lieblingsschriftsteller Paulo Cuelho, sowie anderen namhaften Authoren wie Anton Czechov, Theodor Fontane, Rolf Dobelli und Martin Suter meine Kurzgeschichte zu sehen!

Enjoy it!

Santa Claus und der Wunsch, den er nicht erfüllen konnte

Der Abend lief gut. Es war schließlich der Heilige Abend und es sollte so sein.
Ich sauste von Adresse zur Adresse mit meinem alten, schwarzen Fahrrad.
Ich hatte eine wichtige Rolle an diesem besonderen Tag zu spielen. Vielleicht die wichtigste: ich war der Weihnachtsmann. Ich trug einen langen, roten Mantel und dazu eine weiße Perücke mit langem weißen Bart. Ich beschenkte die Kinder reichlich.
Ich hatte 16 Familien in meinem goldenen Buch. Bei jeder Familie durfte ich höchstens 25 Minuten verbringen. 5 Minuten zum Ankommen Ich kam immer mit  einem Weihnachtslied, meistens Jingle Bells, in die Wohnungen hinein und ließ mir von den Kindern den Weihnachtsbaum zeigen und einen Stuhl geben. Innerhalb der nächsten 15 Minuten Aufenthalt in der Familie spürte ich oft, inwieweit wirklich Liebe und Harmonie dort herrschte. Viele Familien bestellten den Weihnachtsmann in der Hoffnung, die fehlende Harmonie zu ersetzen. Viele Kinder bekamen viel zu viele Geschenke, durch die die vom beruflichen Leben gestressten Eltern ihre fehlende Aufmerksamkeit kompensieren wollten. Ich hatte 5 Minuten zu gehen, solange die Kinder ihre Geschenke auspackten. Es war stressig, aber auch schön, Kinder zu beglücken.
Der Weihnachtsmann kam, sang und ging.
Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und konnte nicht nur zu Hause bei den Familien, sondern auf dem Weg zu ihnen einiges erleben. Ich hatte die Tasche voll mit goldenen Schokoladenmünzen, die ich an die Kinder verteilte, die mir auf der Straße begegneten.  Ich wußte dass die moslemischen Familien kein Weihnachtsfest feierten und die Kinder aus solchen Familien draußen spielten. Für sie war das Erscheinen des Weihnachtsmannes eine schöne Abwechslung und sie lieferten sich mit mir oft eine Schneeballschlacht. Ich kriegte meistens einige Schneebäle an meinen Kopf und mehrere auf meinen Körper und mußte dann schneller in die Pedale meines Fahrrads treten.

Als ich später den verschneiten Tiergarten durchquerte und mich in der Stille der verschneiten Wege von der Schneeballschlacht ausruhte, hörte ich laut aus dem Lautsprecher „Ho Ho Ho-Gesang“.. Ich drehte mich um und sah ein Polizeiauto stehen. Die Bullen machten sich auch über mich lustig.
Mit Mühe erreichte ich meine letzte  Adresse. Sie war nicht weit von Ku´damm entfernt. Es gab ein Einzelkind. Einen Jungen. Die Mutter war um die 40. Sie hatte lange, glatte, dunkle Haare und trug ein enges Kleid, das ihre üppigen Formen betonte. Die Wohnung  war geschmacksvoll eingerichtet. Schöne moderne Bilder schmückten die Wände. Eine Skulptur eines Pferdes war im Flur zu sehen. Weiße Kerzen brannten überall und verliehen dem Raum Weihnachtsstimmung. Ich übergab dem Jungen die Geschenke. Er sang ein Lied. Dann erfüllte ich die Wünsche, die seine Mutter am Telefon davor geäußert atte. Der Junge sollte lernen, allein in seinem Zimmer zu schlafen. Der Junge sollte ab und zu bei seinem Vater übernachten können. Die Mutter nutzte die Autorität des Weihnachtsmannes, um ihren Freiraum breiter zu gestalten. Das machten die meisten Familien.

Als ich mich verabschiedete, reichte sie mir den Briefumschlag mit meinem Honorar an der Tür und sagte zu mir:
„Vielleicht mag der Weihnachtsmann noch auf ein Glas Proseco bleiben?“
Ich schaute sie mir an. Ihr Kleid war lang und eng. Es hatte einen breiten Ausschnitt. Die Brüste waren groß und einladend.  Es sah so aus, als ob zwei kleine Wassermelonen unter ihrem Kleid steckten. Ich dachte zuerst, ob ich das als Geschenk annehmen sollte. Zuerst das Kind, dann auch seine Mutter glücklich zu machen. Das wäre eine gelungene Weihnachtsmission. Dann überlegte ich, was ich davor dem Jungen erzählt hatte und was das für einen Eindruck auf ihn machen würde, den Weinhnachtsmann mit Glas Sekt mit seiner Mama zu sehen und lehnte höflich ab.
„Gerne, mein liebes Kind, aber der Weihnachtsmann hat noch viele Kinder glücklich zu machen und muss weiter ziehen. Fröhliche Weihnachten!“
Eigentlich war das meine letzte Adresse und ich hatte großen Hunger. Auf dem Tisch war viel leckeres Essen übrig und die Mutter sah gar nicht übel aus. Der Weihnachtsmann war schließlich ein Mann und wie ein solcher brauchte er zwei Sachen, um zufrieden zu sein: gutes Essen und guten Sex.  Er hatte eben auf den Sex verzichtet, aber zu einem guten Essen würde er nicht nein sagen.

 Mit solchen Gedanken ging ich aus der Wohnung, zog mich im Treppenhaus des Gebäudes um, packte das Weihnachtsmannoutfit in den leeren Geschenkesack und ging hinaus. Es war kalt und viel Schnee lag auf den Strassen Berlins. Alles war zu und ich freute mich, als ich einen offenen, türkischen Imbiss sah. Meine Tasche war voll mit Banknoten. An diesem Tag hatte ich knapp 400 Euro verdient. Jetzt konnte ich mir ein leckeres, warmes Essen gönnen. Gut, dass die Türken kein Weihnachten feirten und ihre Döner-Läden offen hatten.  Darin gab es keine Leute - abgesehen von einem jungen, schwarzen Mädchen. Sie war schlank und spörtlich  Ihr Po ähnelte einer schönen Walnuss. So konnte nur der Po eines Mädchens auf Afrika aussehen. Sie schaute sich die Wand an. Darauf standen alle Gerichte und ihre Preise. Ich sah, wie sie ihre Münzen zählte und darüber nachdachte, ob sie sich das Essen leisten konnte.
„Was darf es sein?“ fragte der Türke. Er hatte weißes Hemd an und trug stolz einen Schnurrbart.
Sie schwieg zuerst verlegen. Dann entschied sie sich, lieber nichts zu essen. Bevor sie sich umdrehte, mischte ich mich ein:
„Heute ist Weihnachten und ich bin der Weihnachtsmann. Du bist heute zum Essen eingeladen. Bestelle, was Du haben magst, und ich kümmere mich um die Rechnung.“
Sie schaute mit einer Mischung zwischen Skepsis und positiver Überraschung an. Sie hatte ein schönes Gesicht mit großen, schwarzen Augen. Bestimmt hielt sie mich für einen Verrückten.
Ich zeigte auf meinen Geschenkesack, in dem ich das Kostüm hatte und sagte:
„Siehst Du diesen Sack?! Ist voll mit Geld. Mach dir keine Sorgen und bestelle!“
Sie lächelte und wir bestellten unser Weihnachtsessen zusammen.
Es war ein gelungener Heiliger Abend.

Vorstellung meines Buch beim Funkhaus Europa am 19. Dezember 2015

http://www.funkhauseuropa.de/sendungen/balkanizer/vesselin-portarsky-100.html

Sonntag, 15. November 2015

Der Unterschied zwischen Ägypten und Bulgarien aus Schweizer Sicht

Yasin wohnte seit 14 Jahren in Zürich.

Er kam ursprünglich aus Kairo und konnte die Ergebnisse der Volksabstimmung in der Schweiz nicht fassen. Er konnte nicht begreifen, dass die Mehrheit der Schweizer dagegen war, sechs anstatt vier Wochen Urlaub im Jahr zu haben. Er wohnte mit mir in der Langstrasse in einer WG zusammen. Am Abend, als die Ergebnisse des Volksentscheids bekannt waren, unterhielten wir uns bei einem Glas Wein miteinander. Ich hörte ihm zuerst aufmerksam zu.

„Alle meine Freunde in Ägypten, denen ich vom Ergebnis der Volksabstimmung über Facebook erzählte, kommentierten, dass die Schweizer verrückt wären. Nur ein Schweizer Freund meinte, dass die Schweizer nicht wie die Griechen werden wollen, was die Arbeitsmoral angeht."

„Arbeitsmoral hin. Arbeitsmoral her. Weißt du, was der Hauptunterschied zwischen Bulgarien und Ägypten ist?", fragte ich zurück.

„Bulgarische Frauen geben mehr!", antwortete Yasin und seine schwarzen Augen fingen an zu leuchten.

„Nicht die Frauen meine ich!"

„Der bulgarische Präsident hat einen Bart und Sisi keinen!", unternahm Yasin einen zweiten Versuch.

„Das stimmt nicht, aber nicht das Aussehen der Präsidenten meine ich!"

„Was meinst du dann?"

„Ich meine die Arbeitsmoral, Alter! Kennst Du den Hauptunterschied zwischen Bulgarien und Ägypten, was die Arbeitsmoral angeht?"

„Sag doch!"

„In Ägypten, wenn jemand arbeitet, schauen ihm fünf Leute zu."

„Das stimmt wohl! Mindestens fünf sind dabei als Beobachter. Und wie ist es in Bulgarien?"

„In Bulgarien, wenn jemand arbeitet, schauen ihm zehn Leute zu."

Wir erhoben die Gläser und tranken auf die Schweizer und auf ihre Lust, länger zu arbeiten und weniger Urlaub zu machen.

Kontakt zu mir

Bitte meine Email: vesselin@portarsky.com nutzen oder mein Facebook Seite:
https://www.facebook.com/VesoKirilovPortarsky/

Mittwoch, 4. November 2015

Einladung zur Lesung mit Musik am 12. November um 20 Uhr

Liebe Freunde,

ich möchte Euch herzlich zu meiner nächsten Lesung einladen:

Sie findet am Do, den 12.11 um 20h in Bar Not Only Jazz, Boxagener Str. 111 in Berlin Friedrichshain statt.


https://www.facebook.com/events/1699225123622255/

Ich werde aus meinem Debütroman "Der größte Orgasmus auf dem Balkan: lustige Kurzgeschichten aus dem Leben eines Bulgaren in Berlin" vorlesen.

Die britisch-dänische Sängerin Nina Hall wird von ihrem neuen Album einige Lieder singen.

Special guests aus der Berliner Jazz Szene werden dabei imrpovisieren.

Eintritt ist frei.

Montag, 28. September 2015

Lesungen



Ich möchte Euch herzlich zu meinen ersten Lesungen einladen:

am 01.10 um 19 Uhr im Bulgarischen Kulturinstitut in Berlin-Mitte:

http://bulgarisches-kulturinstitut.de/donnerstag-01-10-2015-1900-uhr-buchvorlesung-auf-deutscher-sprache/


am 10.10 um 22 Uhr im kleinen Saal von Lido in Berlin-Kreuzberg.

http://www.lido-berlin.de/events/view/2518

12.11 um 20h in der Bar Not Only Jazz

http://www.notonlyjazz.com/

am 9.12 um 19:30 im Myers Hotel in Berlin Prenzlauer Berg
http://www.myershotel.de/de/veranstaltungen/im-hotel/veranstaltungsplan

Ich freue mich auf Euer Erscheinen!

Veso

Dienstag, 22. September 2015

Montag, 7. September 2015

Der Unterscheid zwischen Touristenvisum und unbefristeter Aufenthaltserlaubnis



Der Unterscheid zwischen Touristenvisum und unbefristeter Aufenthaltserlaubnis

„Ich kann es nicht verstehen. Damals, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, war alles so anders“, erzählte ich meinen bulgarischen Freunden.

„Wie meinst Du das?“, fragte einer von ihnen zurück.

„Wie kann ich es am besten erklären? Ich war auf einer Geschäftsreise. Alles sah so schön aus. Die Sonne schien. Die Deutschen waren so offen und freundlich. Die Frauen lächelten mich auf der Straße an und waren neugierig, mich kennenzulernen. Ich spürte so viel Aufmerksamkeit, ohne dass ich etwas dafür machen musste. Nachdem ich hierher umgezogen bin und schon einige Jahre in Deutschland wohne, kann ich es kaum aushalten. Kann mir das bitte jemand erklären?"

„Ja, das kann ich!“, antwortete einer von ihnen und fügte hinzu:

„Kennst du die Geschichte von Blagoy?", fragte der gleiche Freund, der die erste Frage gestellt hatte.

„Nein, kenne ich nicht, erzähle!", forderte ich ihn zum Sprechen auf.

„Blagoy war ein guter Mann. Immer ehrlich, immer zuvorkommend und hilfsbereit. Er war seiner Frau treu und schenkte seinen Kindern viel Liebe. Sonntags ging er mit der ganzen Familie zur Kirche.  An einem Abend wollte aber sein Herz nicht länger mitmachen und seine Seele stieg ins Paradies auf.

„Sei willkommen, guter Mann!“, öffnete der Heilige Petrus höchstpersönlich die Tür.

Blagoy kam hinein. Das Paradies sah so aus, wie er sich es vorgestellt hatte. Der Himmel war blau. Die Sonne schien. Es war super sauber und das Licht war wunderschön. Auf grünen Wiesen spielten Engelchen miteinander. Man konnte anstatt Wasser Honig und Milch trinken. Es war angenehm warm. Man hörte die Vögel zwitschern. Es herrschte Ruhe und Frieden. Nach einigen Tagen wurde Blagoy all das ein wenig langweilig. Er wollte etwas Neues erleben und fragte den Heiligen Petrus.

„Macht ihr hier auch Ausflüge?“

„Ja!“, antwortete Petrus. 

„Jeden Donnerstagnachmittag organisieren wir einen Ausflug in die Hölle.“

„Ich möchte mich dafür anmelden.“

Gesagt, getan. Als Blagoy in die Hölle hineinkam, sah alles ganz anders aus. Es war heiß und es roch nach Schweiß und Lust. Wunderschöne, nackte Frauen tanzten um ein großes Feuer herum. Anstatt Milch und Honig trank man Wein. Poeten und Philosophen führten lebhafte Diskussionen und hatten die Gläser voll. Blagoy wollte sich gerade der Party anschließen, als die Ärzte ihn zurück ins irdische Leben riefen. Da war er wieder. Seine Frau, sein Zuhause, sein Beruf und seine Kinder. Er wusste aber mehr davon, was ihn nach dem Tod erwarten würde und richtete seine Taten danach aus. Er betrog seine Ehefrau, belog die Kollegen am Arbeitsplatz. Er klaute absichtlich aus der Firmenkasse, weil er nicht ins langweilige Paradies, aber in die erlebnisreiche Hölle gelangen wollte. Nach sieben Jahren war es endlich soweit: Blagoy starb und seine Seele machte sich auf dem Weg zur Hölle. Als Blagoy hineinkam, packte ihn ein riesiger Teufel an den Haaren und peitschte ihn zuerst richtig aus. Zwei andere Teufel nahmen ihn mit und zwangen ihn,  in einen Kessel mit kochendem Wasser zu steigen. Blagoy stöhnte vor Schmerz und fragte die beiden:

„Meine Herren, es ist wirklich  einige Jahre her als ich zuletzt hier war, aber jetzt sieht alles so anders aus! Woran liegt es?“

„Ich erinnere mich an dich! Du kamst mit einem Ausflug, der vom Paradies organisiert war, stimmt´s“, fragte der eine Teufel zurück und zündete das Feuer unter Blagoys Kessel an. 
 
„Das stimmt! Das stimmt!“, antwortete Blagoy mit hoffnungsvoller Stimme.

„Du darfst nicht vergessen: Damals kamst du mit einem Touristenvisum. Jetzt hast du eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.“

Dienstag, 4. August 2015

Die Geschichte einer Migrantenfamilie



Die Geschichte einer Migrantenfamilie

Herr Petrov liebte seine Heimat Bulgarien. Er machte seinen Sommerurlaub nie im Ausland, sondern immer an der bulgarischen Schwarzmeerküste. 

Es war der erste Tag seiner zweiwöchigen Erholung, die er sich einmal im Jahr, immer vom 14. bis zum 28. Juli, leistete. Petrov kam mit dem Zug an. Er ließ seinen Koffer im Hotelzimmer liegen und zog sich aus. Er faltete seine Klamotten behutsam zusammen und legte sie auf einen der zwei Stühle. Dann cremte er seinen stark behaarten Körper sorgfältig mit Sonnenschutzfaktor 30 ein, zog seine Badehose an, nahm sein Badetuch und ging langsam zum Strand. 

Der Himmel war blau. Die Brise war angenehm auf seiner Haut zu spüren. Als er den Strand erreichte, wählte er vorsichtig einen ruhigen Platz aus. Er wollte es dieses Jahr ruhiger angehen und nicht im Gedränge von  fast nackten Körpern liegen.  Er fand den Platz, der wie für ihn gemacht war. Rund um ihn herum gab es keinen Menschen. Dort breitete er mit geschickten Bewegungen sein gelbes Strandtuch aus und legte sich vorsichtig auf seinen Bauch, so dass sein Rücken die knallende Sonne genießen konnte.

In diesem Moment kroch aus seinem Hintern ein kleiner Wurm in Begleitung eines großen Wurmes heraus. Beide Würme hielten sich die Hände. Es war das  erste Mal, dass der kleine Wurm nach draußen ging. Er atmete tief ein und aus und schloss voller Vergnügen seine Augen.
„Guck Papa, guck mal!“ sagte der Kleine nach einer Weile.
„Was?“, fragte der Vater Wurm grimmig zurück. In seiner Stimme war keine Begeisterung spürbar.
„Der Himmel ist so blau! Die Sonne ist so schön! Die Luft ist frisch und voller Energie!“
Der Vater sagte nichts. Er beobachtete aufmerksam das Geschehen draußen.
„Papa, warum sollen wir weiter in diesem engen, dunklen, feuchten und stinkenden Loch leben, wenn alles hier so schön ist!?“, fragte der kleine Wurm und schaute in Erwartung einer Antwort dem großen Wurm in die Augen. 
Der große Wurm erwiderte den Blick seines Sohnes mit Liebe und Strenge.
„Mein lieber Sohn“, sagte er nach zwanzig Sekunden Nachdenken.
„Du darfst nicht vergessen, dass dieses enge, feuchte, dunkle und stinkende Loch, wie du es eben beschrieben hast, unsere Heimat ist. Das ist unser Vaterland! Das ist der Ort, an dem wir geboren sind. Das ist der Ort, an dem wir sterben werden!!“
Die letzten drei Worte sprach der große Wurm  lauter und mit einer Mischung aus Hingabe, Begeisterung und Patriotismus aus. 

In diesem Augenblick ließ Petrov einen kräftigen Wind heraus und Papa mit Sohn Wurm flogen zusammen durch die Luft in Richtung Westen.

Montag, 6. Juli 2015

Das Mädchen aus Zürich



Das Mädchen aus Zürich

Es war einer dieser Sommertage, die die Stadt Zürich zu den besten Orten der Welt machten. Der Zürichsee war voll mit gut gelaunten Menschen. Live-Musik aus aller Herren Länder war alle 20 Meter zu hören. Kinder spielten unbekümmert auf den reinen, grünen Wiesen vor dem chinesischen Garten, und die Eisverkäufer freuten sich über gute Umsätze. Ich war auf meinem Fahrrad auf dem Weg zu einem Strand, der mir als einer der besten am See empfohlen wurde. Dann sah ich dieses Mädchen. Es lief an mir vorbei und für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke. Eine Sekunde, die mich ganz schön durcheinander brachte. Sie sah bezaubernd aus: goldene, blonde, lockige Haare, Sommersprossen in einem süßen Gesicht mit grünen Augen, ein leichtes Sommerkleid, das bis zu den Knien ihre schöne Figur bedeckte und die runde Form ihrer üppigen Brüste zur Schau stellte. Ich fuhr weiter, aber sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte, das war nicht das erste Mal, dass ich dieses Mädchen traf. In meinem Kopf hämmerte es: Woher kannte ich es? Hatte ich mich mit ihr bereits unterhalten? Wo und Wann? Normalerweise konnte ich mich gut an Menschen und ihre Gesichter erinnern, wenn ich mit ihnen zuvor schon einmal geredet hatte. Bei diesem Mädchen hatte ich dieses Gefühl. Ich drehte die Pedale meines Fahrrads weiter, aber mein Kopf war vollkommen mit diesen Fragen beschäftigt. Und wenn man sich klare Fragen stellt, bekommt man meistens auch klare Antworten. Sie kamen schnell:
„Klar kennst du sie!“
„Du bist mit ihr vor 6 Wochen von Bern nach Zürich in einem Zugabteil gefahren.
„Ihr habt die ganze Zeit geredet. Sie machte einen sehr gebildeten Eindruck auf Dich.“
„Ihr habt sogar Email-Adressen ausgetauscht und du hast ihr geschrieben und sie antwortete Dir. Du musstest verreisen, deswegen kam es zu keinem Wiedersehen.“
„Jawohl, jetzt hat Dir das Leben eine zweite Chance gegeben. Nutze sie!“
Ich drehte zügig das Fahrrad um und fuhr so schnell in die Richtung des Mädchens wie es mir mein altes Fahrrad erlaubte. Es war schön heiß und ich schwitzte viel, wollte aber nicht diese Chance verpassen. Nachdem ich 5 Minuten zurückgerast war, konnte ich sie in einer der Straßen einholen. Sie bewegte sich graziös. Ich verlangsamte das Tempo und kam mit Freude auf sie zu. Ich wollte sie nicht verschrecken. Ich berührte sie sanft an ihrer rechten Schulter. Ich bemühte mich, so sacht wie möglich zu sein.  Sie drehte sich zu mir. Ich lächelte sie an. Die Sonne schien in diesem Augenblick ein Stück stärker. Sie schwieg.
„Wir kennen uns doch!“, konnte ich mit Mühe aussprechen. Ich war noch außer Atem.
„Klar! Vom Zug!“, erwiderte sie und fügte schnell hinzu:
„Jetzt habe ich aber keine Zeit!“
Dann drehte sie sich wieder und ging weiter ihren Weg.
Ihr Gesicht blieb regungslos. Keine Emotion, nicht mal ein Lächeln! Nur eine kühle Feststellung. Sie wusste also bereits Bescheid, woher wir uns kannten und ich musste mir erst den Kopf darüber zerbrechen und ihr wie ein Wahnsinniger hinterher fahren. Sie wusste es noch, als sie mir auf der Straße davor zufällig begegnet war und hatte mich nicht einmal gegrüßt. Ein kurzes Kopfnicken oder ein kleines Grinsen hätten vollkommen gereicht.  Ich roch meinen Schweiß, spürte die Sonne in meinem Gesicht, schaute, wie sie sich mit schnellem, zielgerichtetem Gang entfernte, und kam mir erbärmlich dumm vor. Ich fühlte mich wie ein Obdachloser, der nach Almosen gefragt hatte. Sie hatte mich so abgewimmelt, also ob sie mich noch nie zuvor in ihrem Leben getroffen hätte, als ob wir zwei uns vollkommen fremd wären. Und ich dachte bei unserer Zugbegegnung, dass sie so schön, klug und interessant war. Vielleicht war sie das auch. Vielleicht war so etwas in der Schweiz normal. Ich entschied mich, zurück zum Zürichsee zu fahren und einmal zum Wohl der Schweizer Männer ins Wasser zu springen. Ich musste Mitgefühl für diese Menschen entwickeln. Als ich den See erreichte, zog ich meine Klamotten aus und sprang hinein. Das Wasser war erfrischend. Man sagte vom Zürichsee, dass man sein Wasser trinken könne. Beim Schwimmen hörte ich eine Stimme. Sie kam aus der Tiefe des Sees und offenbarte mir den Geist dieser Stadt. Die Stimme sprach auf Englisch zu mir:

In the Mecca of capitalism
I feel fanaticism
If the beauty of a town can be measured
By the number of smiling girls that can be found
Zurich, you will be the number one, but the other way around”

Ich erzählte einige Tage später einer Freundin die Geschichte. Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte am Ende:
„Diese Geschichte habe ich bereits gehört!"
„Wahrscheinlich ist die Geschichte so banal, dass sie sie kannte..", dachte ich.
„Übrigens heißt `das Mädchen aus Zürich´ Sarah und wir sind gut miteinander befreundet", unterbrach die Stimme meiner Freundin meine Gedanken.
„Wie bitte?!", konnte ich nur sagen. Ich wusste, dass Zürich 400.000 Einwohner hatte und dass sich die jungen Menschen untereinander kannten. Gleichzeitig war es für mich unglaublich, dass diese Freundin von mir `das Mädchen aus Zürich´ so gut kannte.
„Ja, Sarah meinte, dass Du nach Eurem Treffen im Zug einfach verschwunden wärst."
„Aber ich musste mit meinem jobbedingt verreisen…"
„Davon hat sie nichts erzählt. Vielleicht wusste sie das nicht."
„Hat sie deswegen so reagiert?"
„Ja!"
„Verrückt!", sagte ich.

Das Leben brachte uns täglich Chancen, neue Menschen kennenzulernen. Oft hielt unser Ego uns davon ab, sie als solche zu erkennen.

Ich nahm mir vor, beim nächsten Schwimmen im Zürichsee das mit dem Geist des Sees auf Schwizerdütsch zu besprechen.