Freitag, 17. April 2015

Der Zürcher Pavarotti



Der Zürcher Pavarotti

Es gab einen Mann in Zürich, der wie Luciano Pavarotti aussah und auch Opern sang. Der Unterschied zwischen ihm und dem verstorbenen italienischen Tenor bestand darin, dass dieser Mann immer nachts an öffentlichen Plätzen in Zürich sang. Zweitens sang er immer von seinem Auto aus. Drittens verlangte er dafür kein Geld. Es gab aber ein paar Ähnlichkeiten: Er hatte auch einen gepflegten, schwarzen Vollbart. Er trug auch meistens feine Hemden und Anzüge.
Der Zürcher Pavarotti fuhr einen neuen Mittelklassewagen. Ich hörte ihm oft zu und fragte mich, was diesen über 50 Jahre alten Herrn dazu brachte, nachts sein Operntalent zur Schau zu stellen. War das sein Wunsch nach Anerkennung? War das seine Einsamkeit oder hatte er einfach Lust zu singen und Menschen zu unterhalten? Oder war es vielleicht eine Mischung aus all diesen Gründen? Ich nahm mir vor, ihm nächstes Mal, wenn ich ihm zuhörte, ein Zeichen der Anerkennung zu geben und ihm dadurch Aufmerksamkeit zu schenken.
Es war eine Sommernacht am Bellevue. Er saß wie immer in seinem Auto und sang. Die Fenster waren heruntergekurbelt. Die Musik war laut. Seine Stimme klang überwältigend. Er sang etwas von Wagner, aber ich wusste nicht genau was. Ich wartete ab, bis er fertig war und klatschte laut Beifall. Er schaute mich ein wenig verdutzt an. Dann rief ich mit voller Stimme „Bravo!! Bravo!!“ und ging mit einem langsamen Schritt klatschend auf ihn zu. Eine Art standing ovations.  Als ich mich seinem Auto näherte und er sah, dass ich den Kontakt zu ihm suchte, kurbelte er die Fensterscheiben seines Autos gehetzt wieder nach oben und drückte so stark auf das Gaspedal, dass bei mir das Gefühl aufkam, ich hätte ihm Angst eingejagt.
„Oh, mein liebes Zürich – Hauptstadt der Einsamkeit!“, kam über meine Lippen, als ich ihm hinterherschaute.
„Kann mir jemand erklären, warum die Menschen hier so viel Angst voreinander haben?“, fragte ich, obwohl es rund um mich keine Menschen gab.
Der Züricher Wind streichelte mir durch die Haare und gab mir seine Antwort:

Rich men making money-
Women walking with shopping bags
But the pain in their faces is showing:
In the city of the living death
Nothing seems to be perfect!”

P.S. Als ich  meinen Freunden in Zürich diese Geschichte erzählte, sagte einer von ihnen , dass er von diesem Mann bereits gehört hätte. Der Zürcher Pavarotti sollte nach seinen Worten den Beruf als Chrirurg im Kinderspital der Stadt ausüben. Vor langen und schwierigen operativen Angriffen sowie danach würde er Oper singen, um mit sich und mit der Welt rund um sich ins Gleichgewicht zu kommen. 

Mittwoch, 1. April 2015

Der erotische Traum meines Vaters



Der erotische Traum meines Vaters

Mein Vater war ein gebildeter Mann. Er hatte viele Länder bereist, viel erlebt und seine Denkweise war durch Rücksicht und Verständnis geprägt.
Eine Ausnahme war die Tatsache, dass ich schon längst die 35 überschritten hatte und noch nicht verheiratet war. Er wünschte sich Enkelkinder. Er wünschte sich, dass sein einziger Sohn eine Familie gründete. Das bezeichnete man in Bulgarien als die Zutat, die dem Leben Sinn verlieh.
Einmal, als ich in Bulgarien war, sagte er zu mir:
„Weißt du was? Du bist mir im Traum erschienen. Ich habe deutlich gesehen, wie Du Sex mit einem schwarzen Jungen hattest..“
„Ups, Papa warum projizierst Du Deine Phantasien auf mich?“, antwortete ich. Ich wusste, dass er und meine Mutter heimlich voller Angst darüber nachdachten, dass ich vielleicht schwul war. Ich hatte sogar festgestellt, dass mein Vater heimlich meinen Briefaustausch mit einem engen Freund las, der homosexuell war.
Die Woche danach war ich wieder in Berlin. Da gab es Gott sei Dank keinen Druck seitens der Gesellschaft zu heiraten. Da war es sogar normaler, Schwuler anstatt ein Hetero zu sein. Es war Sonntagvormittag und ich lag noch im Bett, als mein Handy klingelte.
„Was machst Du?“, hörte ich die Stimme meines Vaters.
„Es ist Sonntag und ich liege noch im Bett!“, antwortete ich.
„Bist du wieder allein?“
Mein Papa wusste, wie er mir auf die Nerven gehen konnte. Ich wusste aber, womit ich ihm contra geben konnte.
„Nein, Papa! Neben mir liegt ein hübscher schwarzer Junge… genau wie in Deinem Traum, den Du letzte Woche hattest. Und weißt Du was? Wir besprechen gerade, ein Kind zu adoptieren, damit du auch deinen Seelenfrieden bezüglich der Enkelkinder wieder erlangst.“
Mein Vater liebte schwarzen Humor. In diesem Fall aber hörte ich nur sein Schweigen und gespannte Atemzüge am anderen Ende der Telefonleitung.