Mittwoch, 20. Mai 2015

Zum Vorstellungsgespräch in Deutschland



Zum Vorstellungsgespräch in Deutschland

Dragomir hatte sein Studium an der Humboldt Universität Berlin mit Auszeichnung abgeschlossen. Nur im Fach Volkswirtschaftslehre hatte er kein „sehr gut“ erhalten, aber insgesamt hatte er einen Prädikatsabschluss von 2,1 erzielt. Es war an der Zeit, den richtigen Arbeitgeber zu finden. Dragomir bewarb sich quer durch Deutschland. Die Arbeitslage war nicht entspannt. Von zehn Bewerbungen erhielt er durchschnittlich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. 

So kam auch die Einladung vom Speditionsunternehmen „Bauchmann und Söhne“, das in Baden-Württemberg ansässig war. Sie suchten jemanden, der das Osteuropa-Team verstärken sollte und luden nach zwei Telefoninterviews Dragomir zum Vorstellungsgespräch in eine kleine Stadt in der Nähe der deutsch-französischen Grenze ein. Dragomir zog sich seinen einzigen Anzug an und nahm ganz früh den Zug. Es dauerte 6 Stunden bis er eintraf und er wurde erwartet. In einem Raum saßen die beiden Geschäftsführer der Firma, ihre Assistentin sowie die Personalchefin am Verhandlungstisch zusammen. Bei der Geschäftsführung handelte es sich offensichtlich um Vater und Sohn. Der Jüngere sah mit seiner schmalen Nase und dem geraden Haarschnitt genau wie der Ältere aus. Nur gab es einen Altersunterschied von ca. 30 Jahren zwischen den beiden. Die Stimmung war energiegeladen. Alle waren fein angezogen. Starke Neonlampen erhöhten die Intensität des Tageslichtes. Dragomir versuchte, alle Fragen ruhig und sachlich zu beantworten. Er durfte sich keine Fehler erlauben. Die Fragen waren immer die gleichen und er hatte schon drei Bücher über die passenden Antworten gelesen. Als das Gespräch zum Ende war, baten sie ihn kurz, draußen Platz zu nehmen. Als er von der Assistentin der Geschäftsführung ins Zimmer zurückgerufen wurde, lächelten ihn alle freundlich an.

„Wir werden Ihnen einen Vertrag bei uns anbieten!", sagte der Alte. Offensichtlich hatte er das Sagen.

 „Und zwar einen unbefristeten!", fügte der Jüngere hinzu.

„Das freut mich sehr!", sagte Dragomir und sein Herz fing vor Freude an, schneller zu schlagen. Er stellte sich vor, wie er am Abend stolz seinen Eltern telefonisch über seinen Erfolg berichten würde und lächelte zufrieden. Seine Eltern machten sich große Sorgen, dass er keinen passenden Job in Deutschland finden würde.

„Sie würden das erste Jahr bei uns ein Nettogehalt von knappen 1.500 Euro bekommen. Steigerungsmöglichkeiten sind gegeben", sagte die Assistentin. Sie hatte kurze, blonde Haare und einen Blick voller Ambition.
Das kam wie ein Blitz aus dem heiteren Himmel für Dragomir. Er wusste, dass Baden-Württemberg eines der reichsten Bundesländer war und dass die Einstiegsgehälter einiger seiner Kommilitonen bei 5000 Euro lagen. Das war mehr als das Dreifache von dem, was ihm gerade angeboten wurde. Er bewarb sich nicht um einen Praktikantenplatz. Vielleicht hatte er etwas nicht richtig verstanden. Oft war es so, dass er die Menschen in Deutschland akustisch nicht richtig verstehen konnte, obwohl er sein ganzes Studium auf Deutsch erfolgreich durchgezogen hatte.

„Verzeihen Sie bitte. Wie hoch würde mein Einstiegsgehalt sein?", fragte er vorsichtig und drehte seinen Kopf in Richtung der Assistentin.

„1.500 Euro plus unbefristeter Arbeitsvertrag!", kam die Antwort seitens der Personalchefin. Eine Dame Mitte 50, die mit ihrer Brille und dem strengen Blick wie seine Mathematik-Lehrerin aus der Grundschule aussah. Dragomir spürte eine Welle der Enttäuschung in seinem Bauch. Er hatte so hohe Erwartungen gehabt, dass er den Einstieg gut meistern konnte, und fühlte sich jetzt über den Tisch gezogen. 1.500 Euro – das war in seiner Heimat Bulgarien ein gutes Einstiegsgehalt, aber die Mieten kosteten da einen Bruchteil von dem, was er in Deutschland zahlen musste. Geschweige denn Lebenshaltungskosten, Versicherungsbeiträge, Transportkosten. Dragomir holte tief Luft.  Die Worte kamen schnell über seine Lippen:

„Stellen Sie sich vor, meine verehrte Damen und Herren, dass Sie ein Haus bauen wollen... ", fing er an.
„Sie sparen Geld, um sich ein Stück Land zu kaufen. Sie sparen Geld, um sich einen guten Architekten zu leisten. Dann studieren Sie die verschiedenen Möglichkeiten, das Haus einzurichten, und wählen die beste für Sie aus. Das Haus ist nach 6 Jahren intensiver Arbeit und einem disziplinierten, sparsamen Leben dann fertig. Dann klingelt jemand an Ihrer Tür und macht Ihnen den Vorschlag, das Haus für 1.500 Euro zu kaufen...Und das noch unbefristet. Also auf immer und ewig! So fühle ich mich jetzt bei Ihnen!"

Die beiden Geschäftsführer schauten sich an, ohne ein Wort zu sagen. Die Assistentin schaute auf ihre Uhr. Personalchefin schmunzelte. So eine bildhafte Erklärung der enttäuschten Erwartungen eines Bewerbers hatte sie in ihrer 30-jährigen Laufbahn im Personalwesen noch nicht erlebt.

Freitag, 15. Mai 2015

Ein bulgarischer Yoga Lehrer in Berlin



Ein bulgarischer Yoga Lehrer in Berlin

Boril war gut gebaut. Er hatte schwarze, lange, lockige Haare und dunkle, tiefe Augen. Er kam nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Nach vier Semestern stellte er fest, dass dieses Studium nichts für ihn war und widmete sich seinem Hobby: dem Yoga-Unterricht. Man sagt, dass sich immer dann, wenn man seiner Leidenschaft folgt, viele Türen wie von selbst öffnen. Das war mit ihm der Fall.  Er bekam Jobangebote und unterrichtete an verschiedenen Yoga-Schulen. Er gestaltete seine Yoga-Stunden mit viel Präzision und Humor, und seine Kurse waren immer ausgebucht. Meistens wurden seine Kurse von Frauen besucht, die ihn attraktiv fanden und bewunderten. Boril war sich dessen bewusst. Ab und zu zog er sein T-Shirt aus, um die Atemübungen besser zu erklären und seinen schönen Körper zur Schau zu stellen. Als ich bei ihm einen Kurs besuchte, wollte er am Ende ein Feedback von allen Teilnehmern haben. Der Yoga Raum war voll mit Frauen, die ihn mit Worten der Dankbarkeit und mit Komplimenten überschütteten.

„Herzlichen Tag für Deine physische und psychische Unterstützung!“, schwärmte eine hübsche Russin von der ersten Reihe aus.

„Du hast zu der Auflockerung und Aufheiterung meines Alltag erheblich beigetragen“, fügte eine nicht weniger attraktive deutsche Geschäftsfrau aus der zweiten Reihe hinzu.

Boril hörte sich alles aufmerksam an und sagte zum Schluss:

„Danke für Euer Feedback! Ich habe aber ein paar kritische Stimmen vermisst. Ich habe niemanden sagen hören: dieser Mann ist zu hübsch, um Yoga-Lehrer zu sein!“

Im Saal herrschte Schweigen.

„Spaaaß“, fügte er im bulgarischen Stil hinzu und lachte laut über seine Originalität.