Donnerstag, 28. Juni 2018

Die Bodenständigkeit der Oma


Die Bodenständigkeit der Oma

Miroslav kam nach dem Abschluss seines Informatikstudiums in Mannheim zu Besuch zu seiner Familie nach Bulgarien. Er wollte alle noch einmal sehen, bevor er in Deutschland ins Berufsleben einstieg.
Während der Probezeit von drei Monaten durfte man keinen Urlaub nehmen. Seine Eltern hatten ein großes Familienfest veranstaltet. Am Tisch gab es zahlreiche Spezialitäten: Schopska Salat, Musaka, mit Reis und Hackfleisch gefüllte Paprika, verschiedene Eintöpfe mit Fleisch, Gemüse und überbackenem Schafskäse sowie einige Flaschen Rotwein und den berühmten Pflaumenschnaps „Rakia“.  Alle Cousins und die nahe Verwandtschaft waren eingeladen. Alle waren neugierig zu erfahren, wie es Miroslav bislang ergangen war und was für einen Beruf er ergreifen würde.

„Ich habe als Schwerpunkt meiner Diplomarbeit die Anwendung von SAP bei den großen US-Technologieunternehmen gewählt und eine der Firmen mit Hauptsitz im Silicon Valley hat mir daraufhin einen Vertrag in ihrer Niederlassung in Düsseldorf angeboten, den ich angenommen habe“, erklärte er.

Im Wohnzimmer herrschte Stille. Am Tisch saßen bestimmt 15 Leute, die zur Familie zählten. Tante, Onkel, Oma, Opa, Cousins, Geschwister und Eltern hörten ihm aufmerksam zu.

„Ich werde Module programmieren, die zur Anwendung im B2B-Bereich eingesetzt werden.“, fügte Miroslav mit stolzer Stimme hinzu. 

Keiner verstand wirklich, was für einen Job Miroslav machen würde. Doch niemand wollte es zugeben, um nicht peinlich aufzufallen. So schwiegen alle. Seine Eltern aber schauten ihn mit einer Mischung aus Stolz und Bewunderung an. Schließlich hatte Miroslav es geschafft, im Westen einen Uni-Abschluss und einen Job zu finden.

„Miro, mein lieber Enkel, erklär´ mir das bitte noch einmal“, unterbrach seine Oma das Schweigen.
„Ist etwas unklar, Oma?“, fragte Miroslav zurück.
„Ich habe nicht verstanden, was genau du in Deutschland verkaufen wirst.“


Montag, 21. Mai 2018

Professor Silbermanns Definition von Globalisierung


Professor Silbermanns Definition von Globalisierung

Nedjalko Silbermann wanderte vor 25 Jahren von Sofia nach New York aus. Es schlug eine wissenschaftliche Laufbahn ein, die ihm auch gut gelang. Seinen Bachelor machte er in Yale, seinen Master in Harvard, PhD, Postdoc und die Professur an der Columbia University in New York. Dort unterrichtet er seit 7 Jahren Geschichte.

Für ihn war es zu einem kleinen Ritual geworden, am ersten Tag des Semesterbeginns seinen Studierenden aus der ganzen Welt seine Lieblingsfrage zu stellen.
Sie lautete:
 „Was ist eigentlich die Globalisierung?“
Der Saal war voll. Die Herbstsonne schickte ihre goldenen Strahlen durch die großen Fenster der Fakultät in der Nähe vom Hudson River. Für einige Sekunden war es still im Raum.
„Was versteht Ihr unter Globalisierung?“, wiederholte Professor Silbermann seine Lieblingsfrage.
Ein chinesischer Student mit weißem Hemd und kurzen, ordentlich gekämmten Haaren ergriff das Wort:
„Globalisierung ist, wenn Juden bulgarischer Abstammung chinesischen Studenten an nordamerikanischen Universitäten Geschichte beibringen wollen.“

Silbermann musste schmunzeln. Treffender konnte eine Antwort nicht ausfallen.

Freitag, 11. Mai 2018

Die Kreativität der Portugiesen beim Kennenlernen von Frauen


Die Kreativität der Portugiesen beim Kennenlernen von Frauen

Nach drei Tagen Urlaub an der portugiesischen Atlantikküste bemerkte ich einen Typen, der sich richtig professionell an die ausländischen Touristinnen heranmachte. Das war ein professioneller Pickup-Artist. Er hatte eine sehr außergewöhnliche Strategie, die er täglich einsetzte und mit der er bestimmt viele Früchte erntete. 

Der Typ war groß, schlank und sehr behaart. Er trug eine große Sonnenbrille und ein Baseball Cap, auf dem mit Großbuchstaben CHICAGO BULLS stand. Er kam immer sehr früh an den Strand und zwar gegen 8:30 Uhr morgens. Um diese Zeit schliefen die meisten Touristinnen noch oder saßen beim Frühstück in ihrem Hotel. 

Der Typ hatte immer eine riesige Strandtasche dabei, in die 15-20 Strandtücher hineinpassten. Die Tücher hatten verschiedene Größen und Farben. Geschickt verteilte er sie über den ganzen Strand und verschwand dann. Sicherlich ruhte er sich aus oder trank seinen verlängerten Galao, wie die Portugiesen ihren Milchkaffee nennen.
Gegen 11 Uhr tauchte er wieder am Strand auf und machte einen lässigen Spaziergang den ganzen Strand entlang. Er beobachtete dabei aufmerksam das Geschehen und besonders, wo sich die schönste Frau platziert hatte. Dann grüßte er die Schönheit auf Portugiesisch mit breitem Lächeln, ließ seine Sonnenbrille und Mütze auf einem seiner 20 Strandtücher liegen, das am nächsten bei der Schönheit lag und fragte sie in gebrochenem Englisch, ob sie auf seine Sachen aufpassen könnte, solange er schwimmen ging.

Dann verbrachte er den ganzen Tag, wie der „Zufall“ es wollte, neben der Dame, versuchte sie zum Lachen zu bringen und wenn er Glück hatte, verabredete er sich für später mit ihr mit dem Ziel, sie flachzulegen.
Beim Sonnenuntergang konnte ich beobachten, wie er seine Tücher vom Strand einsammelte und sorgfältig zusammenfaltete.

„Eine kreative Strategie, die in Bulgarien nicht aufgehen würde“, dachte ich mir. 
Am Ende des Tages würde er die meisten der morgens ausgelegten Strandtücher nicht mehr finden – sie wären abhanden gekommen.


Samstag, 5. Mai 2018

Die Stadt mit dem Namen Ausfahrt


Die Stadt mit dem Namen Ausfahrt

Peter war der Typ Mann, der das Abenteuer liebte.

Als Bulgarien der EU beitrat, brauchte er zwei Tage, um sich auf seiner Arbeit frei zu nehmen und sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.
Er hatte nie Deutsch in der Schule gehabt und die wenigen Worte, die er kannte, waren aus den deutschen Pornofilmen, die er intensiv studiert hatte. Worte wie „fantastisch“, „geil“ und „supergeil“ bildeten seinen deutschen Wortschatz. 

Peter war von deutschen Frauen und von deutschen Autos gleichermaßen fasziniert. Er wollte mit seinen Ersparnissen einen BMW kaufen. Am besten einen Jeep. Sein VW war zwar noch brauchbar, aber schon viel zu alt. Peter fuhr frühmorgens los, um die Staus in Sofia zu vermeiden. Fast 24 Stunden lang war er dann ununterbrochen unterwegs. Er fuhr durch Belgrad, Budapest, Prag und konnte mit Mühe seine Augen offenhalten. Die gut 2000 km Distanz zwischen Bulgarien und Deutschland hatte er in einem Tag und einer Nacht wie geplant ohne Pause geschafft. Er hatte Glück an den Grenzübergängen und musste nicht zu lange warten. Seine Mutter hatte ihm eine Kanne voll mit Kaffee mitgegeben und er hatte bestimmt sieben, acht Tassen davon getrunken. Sein Körper brauchte Schlaf. 

Er entschied sich, nach dem Überqueren der deutschen Grenze einen ruhigen Ort zu finden, dort zu parken, die Sitze seines Autos nach hinten zu klappen und gemütlich einige Stunden zu schlafen. Aber jetzt durfte er sich keine Sekunde Schlaf gönnen. Das wäre tödlich. Er fuhr mit 140 km auf der Autobahn und schaute sehnsüchtig nach einem Schild, das eine Stadt ankündigte. 

Dann sah er es endlich: Auf dem Schild stand Ausfahrt in 5km. Dann kam das Schild Ausfahrt 3 km. Dann 800 Meter. Peter kannte diese Stadt nicht, aber das war im Moment nicht so wichtig. Wichtig war, dass er einen ruhigen Parkplatz fand, wo er ein wenig schlafen konnte.
Er folgte dem Weg mit einem Lächeln. Lange fuhr er weiter, ohne ein Licht oder die Präsenz eines menschlichen Lebenswesens zu sehen.
„Das kann nicht wahr sein“, sagte er zu sich. Er hielt sein Auto neben einem Feld an.
„Wahnsinn“, dachte er laut weiter.  
„Das kann auch in Deutschland passieren und nicht nur in Bulgarien. Die Deutschen wollten bestimmt diese Stadt „Ausfahrt“ bauen, aber das Geld hat nur für die Schilder gereicht...", fasste er gedanklich die Erklärung zusammen.
„Alle kochen doch nur mit Wasser“, kam die Essenz über seine Lippen, bevor ihm die Augen zu fielen.