Donnerstag, 14. Februar 2019

Die Sauna am Hermann Platz


Die Sauna am Hermann Platz

Es war einer dieser Sonntage im November, an dem man am besten im Bett bleiben sollte. Grau und regnerisch.
Es machte aber keinen Spaß so lange im Bett zu bleiben. Besonders, wenn man dort alleine war.

So entschied ich mich, in die Sauna zu gehen. Ich hatte noch zwei Gutscheine für „Holmes Place“ und lud meinen Freund Bobi ein. Wir nahmen die U-Bahn und fuhren hin.
„Holmes Place“ war eine Kette von Fitnessstudios, die über schöne SPA-Bereiche verfügte. So waren wir voller Hoffnung, dass wir einen erholsamen Sonntag mit netten Gesprächen in den heißen Räumlichkeiten verbringen würden.
Die Realität war anders: 

Als wir ankamen und das Anmeldeformular ausfüllten, verlangte der Junge an der Rezeption 2 Euro pro Saunatuch. Wir zahlten, gingen in die Umkleide, zogen uns aus und betraten den SPA-Bereich.
Der Sauna-Bereich bestand aus einem Dampfbad und einer finnischen Sauna. Er war voll mit Menschen. Mein Freund entschied sich, nicht hineinzugehen und stattdessen im Fitnessraum zu trainieren. Ich blieb dort, schließlich hatten wir deswegen den ganzen Weg gemacht. Es gab kaum noch Platz, um sich zu setzen. Zu 80% waren es Männer, die herumstanden oder saßen. Die meisten Besucher waren dunkelhaarig. Ich zählte dazu.

In fünf Minuten sollte ein Aufguss stattfinden, und alle warteten darauf. Ich ging zuerst duschen und erblickte eine kleine, blonde Frau in der Duschkabine neben mir. Sie hatte viele Tattoos. Es war ungewohnt für mich, einer nackten Frau so nahe zu sein, die ich gar nicht kannte. Mir fiel auf, dass sie Piercings an ihren Brustwarzen hatte. Ihre nackte Präsenz wirkte auf mich nicht erotisch. Im Gegenteil, es gab etwas an dieser Frau, was mich eher abschreckte. Sie hatte etwas Hartes in ihrer Ausstrahlung.
Ich duschte mich schnell, ohne sie weiter anzuschauen und ging in die Sauna hinein. Auf 15qm Raum gab es fast 20 Leute, die auf zwei Ebenen eng nebeneinander saßen. 
Alle waren nackt. Schließlich war nackt zu sein die Bedingung, um in die Sauna in Deutschland zu gelangen. Oft diskutierte ich mit Freunden darüber, ob die Deutschen durch Zurschaustellung der Nacktheit ihrer Körper in der Sauna ihre Zurückhaltung beim Ausdruck ihrer Gefühle im Alltag kompensieren wollten.
Ich war froh, in der unteren Ebene einen Platz zwischen zwei Türken zu finden und schaute mich um:

Im Raum gab es nur zwei Frauen. Die eine war die blonde mit den Piercings an den Brustwarzen und das andere Mädchen hatte lange, rote Haare. Ihr Saunatuch hatte sie sich um den Körper geschlungen. 

„Kein Hautkontakt mit dem Hooooolz!“, schrie die Blondine das rothaarige Mädchen an. Ihre nackten Füße berührten in der Tat das Holz, doch es kam zu keiner Reaktion ihrerseits. Ich dachte, dass das Mädchen möglicherweise kein Deutsch verstand.
Als die Blondine die Anordnung in Befehlston wiederholte, bewegte sich ein Türke neben dem rothaarigen Mädchen und schob sein Handtuch unter seine Füße.
Ich dachte zuerst, dass die Blondine den Saunaaufguss geben würde, da sie sich wie eine Chefin aufführte. Doch ich täuschte mich: Ein großer, dunkelhäutiger, gut gebauter Mann mit Glatze kam mit zwei Eimern voll Wasser in die Sauna hinein. Er stellte die Eimer neben den Saunaofen, schaute das Publikum an und erklärte mit tiefer, lauter und selbstbewusster Stimme:

„Jetzt kommt der Sahara-Aufguss. SAHARA wird dabei groß geschrieben. Zuerst ein wenig Sand aus der Wüste...“

Er schien einen arabischen Akzent zu haben. Es gab viele Geräusche, die aus der Tiefe seiner Kehle kamen, und die für Europäer und Türken unüblich waren. Er streute sorgfältig vom weißen Pulver aus einer kleinen Glasflasche auf die heißen Steine im Saunaofen. Im Raum war es stickig und eng. Ich musste meine Beine übereinanderschlagen, um sitzen bleiben zu können.

„Wie ging es den Menschen um mich herum?“, fragte ich mich und schaute mich um. Mein Nachbar rechts hatte einen großen Bauch und atmete schwer. Mein Nachbar links war der Kavalier, der dem rothaarigen Mädchen mit dem Tuch geholfen hatte. Er hielt seinen Kopf in seinen Händen und sah so aus, als ob er kurz davor war, ohnmächtig zu werden.
Das Salz schmolz schnell und ein beißender Duft erfüllte den kleinen Raum. Ich musste meine Augen schließen.
Plötzlich spürte ich eine nasse Männerhand, die zärtlich meine rechte Schulter berührte. Sie kam von hinten. Solange sie auf meiner Schulter und nicht an meinem Hintern war, war ich bereit, sie zu akzeptieren. Doch ich drehte mich sicherheitshalber um.

 „Paardooon“, hörte ich eine feminine Männerstimme von hinten. Ein schlanker, blonder Mann konnte es nicht mehr aushalten und machte sich den Weg nach draußen frei. Er überflog mich mit dem Geschick eines Balletttänzers, um von der zweiten Ebene zur ersten zu gelangen. Als er graziös am Boden landete, stellte sich der große Araber demonstrativ vor ihn und versperrte ihm den Weg nach draußen.

„Ich habe gesagt, dass ihr Bescheid geben müsst, bevor ihr die Sauna verlässt“, sagte er mit Befehlston. Er hätte gut der Freund der Frau mit den Piercings an den Brustwarzen sein können. Die beiden passten zueinander. Ich kam mir wie in einer Schule vor. Ich mochte es nicht von Unbekannten eines Besseren belehrt zu werden. Obwohl ich das in Berlin öfters erlebte, empfand ich es immer noch als sehr unhöflich.
Der blonde Mann war aber offensichtlich darin geübt, mit solchen Situationen zurecht zu kommen. Er umkreiste den großen Araber flink, öffnete schnell die Saunatür  und gelangte mit Leichtigkeit in die Freiheit. Ich schloss die Augen und versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich wollte es gerne bis zum Ende aushalten. Ein Saunaaufguss sollte nicht länger als 5-10 Minuten dauern und das Immunsystem stärken.

„Jetzt kommt Honig mit Eukalyptus“, kündigte der große Mann an und goss eine Flüssigkeit über die heißen Steine. Der Gestank, der sich breitmachte, hatte leider weder viel mit Honig noch mit Eukalyptus zu tun. Es roch, als ob eine Mischung aus Pferdekot und Urin auf die Steine gestreut worden war. Ich hatte Tränen in den Augen. Mit meiner rechten Hand drückte ich meine Nase zu.

Das rothaarige Mädchen hielt es offensichtlich nicht mehr aus. Sie war offensichtlich neu in Deutschland und konnte sich nicht so schnell wie die übrigen Saunainsassen an die unbekannte Situation gewöhnen. Sie stand auf und ging hinaus.

„Das ist zum Kotzen“, kommentierte die Blondine mit den Tattoos ihr Verhalten mit lauter Stimme. Sie hatte bestimmt etwas gegen Frauen, die keine Piercings an ihren Brustwarzen hatten.
Meine Augen waren geschlossen. Mit einer Hand hielt ich mir weiter die Nase zu. Ich überlegte, ob ich stattdessen nicht lieber die Ohren halten sollte. Dieser Sauna-Besuch war eine Herausforderung für alle Sinne.
In diesem Moment nahm der große Araber ein riesiges, weißes Tuch und schrie mit entschlossener Stimme in der Luft:

„Jetzt kommt die Nummer des Helikopters in der Saharaaaa.“
In der Tat wirbelte er  wie ein Wilder mit dem Tuch in der Luft, als ob er einen Helikopter nachmachen wollte. Heiße, stinkende Wellen durchfluteten den Raum und brachten mich zur Verzweiflung. Ich fühle mich so, als ob ich auf einer Toilette festsitzen müsste, die keine Spülung hatte und jahrelang nicht gereinigt worden war. Und das bei 90°C! Dieser Aufguss sollte nicht Sahara-Aufguss, sondern „Stuhlgang in der Sahara“ heißen. Offensichtlich war ich mit dieser  Meinung nicht allein. Der Türke neben mir gab ein tiefes, aber robustes Geräusch von sich hin. Es hörte sich an wie das Geräusch eines verärgerten Bären.

„HMMMMMMMMMM“

Dann richtete er sich langsam, aber fest entschlossen auf und wollte gehen. Er stand vor seinem Peiniger und schaute ihm fest in die Augen. Der Araber machte die Drehungen bis zum Ende, ohne den Türken aus den Augen zu verlieren. Er spürte, dass der kleine Mann zu allem fähig war und nicht nachgeben würde. Dann öffnete er widerwillig mit einem Seufzer die Tür. Ich nutzte die Chance und sprang mit der Schnelligkeit einer Katze dem kleinen, türkischen Bären hinterher, aus der überfüllten Sauna heraus. 

Was für ein Vergnügen war es, frei ein- und ausatmen zu können! Es fühlte sich herrlich an, die Sahara zu verlassen und wieder in Freiheit zu sein.
Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder zu mir gekommen war. Als ich durch die Glasfenster in die Sauna hineinschaute, sah ich den Araber mit einer riesigen Feder und einer eisernen Miene die Luft in der Sauna durcheinanderwirbeln. Unsere Blicke trafen sich für eine Sekunde. Er schaute mich mit einer Mischung aus Verachtung und Sarkasmus an.

Sein Blick vermittelte mir klar seine Botschaft:

Der Sahara-Aufguss am Hermannplatz war nicht für Weicheier.

Samstag, 9. Februar 2019

Die Kreativität der Bulgaren beim Kennenlernen von Frauen


Ein Freund von mir hatte einen Job an der bulgarischen Schwarzmeerküste, dessen Bezeichnung mir im Deutschen schwer fällt. Er arbeitete in einem der touristischen Urlaubsorte der bulgarischen Schwarzmeerküste und war für ein Restaurant tätig. Er musste vor dem Restaurant stehen und die vorbeigehenden Touristen hereinlocken. Auf Bulgarisch nannte man solche Leute Schreier - also jemand, der die Leute anschreit. Ich weiß nicht genau, ob auf Deutsch so eine Berufsbezeichnung existiert.
Der Freund trug den Namen Ivan. Er war klein, aber gut gebaut, sprach einigermaßen gut Englisch, Russisch und Deutsch. Von jeder dieser Sprachen beherrschte er 50 bis 70 Worte, die es ihm erlaubten, eine einfache Konversation mit den Touristen anzufangen und diesen Job vier Monate im Jahr auszuüben. Ab und zu landete die eine oder andere Schwedin oder Russin in seinem Bett und er erzählte davon stolz seinen Freunden. Einmal, als ich ihn besuchte, sagte er zu mir:

„Heute will ich dir zwei bildhübsche Russinnen vorstellen. Komm einfach um Mitternacht vorbei.“

Ich war sein Gast und nahm sein Angebot dankbar an. Pünktlich um 24 Uhr war ich bei ihm im Restaurant. Er hatte sich bereits umgezogen und trug sportliche Jeans und ein weißes T-Shirt, auf dem in riesigen Buchstaben ARMANI stand. Das passende Outfit, wenn man ein russisches Mädchen treffen wollte. Sie standen in der Regel auf italienische Designerklamotten und wussten nicht wichtig, dass das alles Fakes aus der Türkei und China waren. Ich hatte auch ein schönes Hemd und kurze Hosen an und freute mich auf ein interessantes Treffen mit zwei bildhübschen, jungen Damen.
„Los, wir müssen sehr schnell sein. Sie sind vor 15 Minuten weggegangen, aber ich weiß genau, wo wir sie finden werden. Ich habe eine Strategie im Kopf.“
Ivan sprach schnell und rannte los. Ich begriff seine Strategie nicht, spürte aber, dass ich ihm folgen sollte und lief ihm hinterher. Der Abend war warm. Der Himmel voller Sterne. Eine perfekte Nacht für ein Rendezvous. Ivan hatte kurze Beine, aber bewegte sich schnell. Ich musste mich anstrengen, ihn einzuholen. Das gelang mir aber nicht, da er Abkürzungen durch die Wiesen und Hotelanlagen suchte und geschickt an den vorbeigehenden Touristen vorbeilief.
Man merkte, dass er richtig Übung hatte.

„Ivan, wo wollen wir hin? Was hast Du vor?“, versuchte ich mir Klarheit zu verschaffen.

Er antwortete nicht und rannte weiter. Ich hielt mich für ziemlich fit, hatte vor drei Jahren sogar versucht, den Berliner Halbmarathon zu laufen, aber nach 15 Minuten stöhnte ich und rief ihm nach.
„Ich kann nicht mehr. Warte!“
„Komm noch ein bisschen. In 5 Minuten sind wir da.“

Ich sammelte all meine Kräfte und rannte weiter. Mein Herz pochte. Ich spürte den salzigen Geschmack meines Schweißes auf den Lippen. Ivan lief ungefähr 10 Meter vor mir. Er übersprang einen Zaun und ich machte es mit Mühe nach. Der Zaun war 1,50 Meter hoch und ich blieb oben für 20-30 Sekunden hängen. Ich dachte, wenn wir so noch 10-15 Minuten weiter rennen würden, müsste ich ins Gras beißen. Dann hörte ich die Stimme meines Freundes.

„Mann, du machst alles kaputt! Spring runter und lege dich schnell hin!“
„Wohin?“
„Auf den Boden, du, Penner! Du hast echt alles versaut. Scheiße! Die ganze Mühe für nichts. Scheiße! Du bist echt eine Pfeife!“
„Ivan, sag mal, was geht hier ab? Ich verstehe echt nichts. Wovon redest du? Was habe ich versaut?“

Ich dachte, ein Mann vom Wachdienst des Hotels würde gleich kommen und uns Probleme bereiten. Ich schaute mich schnell um, sah aber keine Gefahr kommen.
Ivan schaute mich an. Ich musste eine tragische Figur gemacht haben, weil er in Gelächter ausbrach. Er lachte laut und ununterbrochen einige Minuten lang und nachdem er sich beruhigt hatte, sagte er zu mir:

„Siehst du das Hotel hier vorne? Das ist das Hotel der Russinnen. Und siehst du die beiden hübschen Mädels im Foyer? Das sind sie. Und weißt du was? Sie haben dich am Zaun hängen sehen. Unser Rendezvous-Plan hast du damit versaut.“
„Aber warst du mit denen nicht verabredet?“, fragte ich noch außer Atem.
„Alter, das war eine unausgesprochene Verabredung. Ich wollte, dass sie denken, dass sich unsere Wege per Zufall wieder kreuzen. Ein Schicksalstreffen. Diese Mädels wären dann bestimmt mit uns was trinken gegangen.“
„Ivan, ich bin total verschwitzt und müde. Entstehen alle deine Dates auf der Basis provozierter Zufälle?“
„Ha ha, was weißt du schon? Ich bin so bis zum nächsten Dorf, also 7 Kilometer gerannt und wurde belohnt.  Ich habe mit dem Mädchen die Nacht zusammen verbracht und das war die beste Nacht meines Lebens.“
„Die Strategie des provozierten Zufalls, Ivan - die habe ich von dir gelernt“, musste ich zugeben.

Samstag, 2. Februar 2019

Die hübsche Perserin


Die hübsche Perserin

Es war ein heißer Tag im Juli. Ich war mit meinem Fahrrad auf dem Weg zum Plötzensee und hielt an einem Second Hand Shop in Wedding an. Es gab eine riesige Holzstatue von einer ägyptischen Göttin vor der Tür neben Kisten voller alten Büchern. Ich ging an der Göttin vorbei und schaute mir die Bücher an. Danach wollte ich mich im Laden umschauen, als ich feststellte, dass die Eingangstür zu war.

„Bestimmt ist sich der Ladenbesitzer Kaffee holen gegangen“, dachte ich und wollte mich weiter mit den Büchern beschäftigen, als eine interessante Frau an mir vorbeiging und auch in den Laden hineingehen wollte. Sie hatte ein enges, rotes Kleid an, das ihre üppigen Formen betonte und lange, glatte, schwarze Haare, die bis zu ihrem schönen Po reichten.

„Der Laden ist zu, aber bestimmt kommt der Besitzer bald wieder“, sagte ich zu ihr. Sie drehte sich um. Ein schönes, südländisches Gesicht mit vollen Lippen stand vor mir. Dunkelbraune, geheimnisvolle Augen schauten mich an. Die Dame ging auf mich zu und als sie direkt vor mir stand, sagte sie:
„Ich habe dich bereits gesehen.“
Sie strahlte viel Sexappeal aus und schaute mir in die Augen so, dass meine Knie weich wurden. Ihr Duft war süß.
„Na ja, ich bin schon eine Weile hier...“, versuchte ich eine Antwort zu geben.
„Nein, nicht hier! Weißt du nicht mehr wo?“
Ich schaute sie an. Bestimmt hätte ich mich daran erinnern können, wenn ich so eine Frau schon einmal gesehen hätte. Gleichzeitig wollte ich unser Gespräch nicht unterbrechen. Ihre Stimme war so weich und ihre Lippen waren so einladend.
„Wo?“
„Weißt du nicht mehr? Du warst mit einem Freund...“
Bestimmt verwechselte sie mich mit jemandem, aber das war nicht so wichtig. Wichtig war, dass wir im Gespräch blieben. Bestimmt verwechselte sie mich mit jemandem, aber das war mit egal. Wichtig war nur, dass wir im Gespräch blieben, denn ich führte zu diesem Zeitpunkt ein recht monotones Leben und war für jede Abwechslung dankbar.
„Wo kommst Du her?", fragte ich sie.
„Aus Persien. Und Du?“

Eine hübsche Perserin, die Gegenfragen stellte und mir Aufmerksamkeit schenkte. Das streichelte mein Ego. In diesem Augenblick erschien der Ladenbesitzer. Ein junger, blonder Kerl, der seinen Laden zügig aufschloss und uns mit einem Lächeln begrüßte. Die Perserin fing an, verschiedene Vasen zu kaufen, zu feilschen und hatte bestimmt fünf oder sechs Gegenstände ausgehandelt, die sie unbedingt haben wollte und für den nächsten Tag reservierte. Ich kaufte einen Korkenzieher.

„Wollt ihr jetzt zusammen eine Flasche Wein aufmachen?“, scherzte der Ladenbesitzer.
„Gehen wir!“, sagte die Perserin zu mir und griff mit ihrer Hand meinen Daumen. 

Wir liefen 30 Meter nebeneinander, ohne zu reden. Ich wusste nicht genau, wohin sie mich bringen wollte, stellte aber keine Fragen. Wir betraten eine menschenleere Gaststäte. Sie wählte einen Tisch am Fenster aus und setzte sich hin. Ich folgte ihr. Als die Kellnerin kam, bestellte sie einen Cappuccino und ich nahm ein Glas Weißwein.

„Ich war eine reiche Frau...“, fing sie an zu erzählen, ohne dass ich sie dazu aufgefordert hatte.
„Ich hatte viel Geld, aber mein erster Mann verspielte alles. Er hat unser ganzes Vermögen in Casinos verspielt.“
„Ich war sehr hübsch...“
„Du bist immer noch sehr hübsch!“, wandte ich ein. Sie tat so, als ob sie es überhört hätte, und setzte ihre Geschichte fort:
„Jetzt muss ich wieder von Null anfangen. Ich habe eine Tochter und einen Sohn.“
„Wie alt sind sie?“
Sie überlegte. Wenn sie auf die Frage antworten würde, könnte ich mir in etwa ihr Alter ausrechnen. Sie war bestimmt über 40.
Dann sagte sie:
„Mein Sohn ist 20, meine Tochter 17.“
„Dann bist du sehr jung Mutter geworden.“, blieb ich dabei, ihr Komplimente zu machen.

Sie redete über ihre Geldprobleme und ich hörte ihr zu. Nach 5 Minuten schlug sie mir vor, dass wir zusammen eine Wohnung mieten könnten. Ich dachte, diese Dame wäre nicht ganz normal. Sie schaute auf ihre Uhr. Sie trug eine zierliche, vergoldete Uhr, die gut zu ihrem Auftritt passte. Ihre Hände waren klein. Sie hatte lange, dunkelrote, manikürte Nägel, die mit winzigen, weißen Blümchen geschmückt waren. An der linken Hand trug sie einen goldenen Ring mit einem kleinen, roten Rubinstein.

„Ich muss gleich los“, riss sie mich aus meinen Beobachtungen.
„Um 15 Uhr wartet jemand auf mich am Hauptbahnhof, um mir 20 Euro zu geben. Oder kannst du mir dieses Geld geben?“
Sie sagte den letzten Satz leiser. Ich tat so, als ob ich es nicht gehört hätte und fragte:
„Bitte?“
Sie wiederholte den Satz nicht. Offensichtlich schämte sie sich, Geld von jemandem direkt zu verlangen. Aber dass sie zusammen mit mir in eine Wohnung ziehen wollte, das war irre. Etwas stimmte hier nicht ganz. Ihre teure, goldene Uhr, ihre Maniküre, die bestimmt auch einiges kostete, und die Tatsache, dass sie 2 Kilometer zu Fuß bis zum Hauptbahnhof laufen sollte, um 20 Euro abzuholen.
Es war auch ein Widerspruch, mit einer schönen Frau zusammen an einem Tisch zu sitzen und nichts als Beschwerden über ihr Leben zu hören. Normalerweise redete der Mann in einer solchen Konstellation und pries seine Qualitäten an. Bis jetzt war ich aber nur passiv. Ich hatte nicht viel Zeit zur Verfügung, wenn ich das ändern wollte.
Sie saß auf dem Stuhl neben mir und musste gleich los. Ihr Parfüm hatte eine süße Note. Etwas zwischen Pfirsich und getrockneten Feigen.
Zwischen uns gab es eine Distanz von 50-60 Zentimeter. Man sagt, dass die größte Distanz zwischen einem Mann und einer Frau die Distanz bis zum ersten Kuss sei.

„Wenn zwei Zungen in einem Mund sind, kann der Mund nicht länger reden", dachte ich mir.

Ich hörte sie weiter über Geldprobleme sprechen und konzentrierte mich auf die Schönheit Ihrer Lippen. Meine rechte Hand bewegte sich wie von alleine auf ihren Mund zu. Zuerst berührte ich mit dem Daumen ihre Lippen so, als ob ich sicher sein wollte, dass sie echt wären. Dann glitt der Daumen sanft in ihren Mund hinein, so dass sie mit dem Reden aufhören musste. Wenn ein Daumen in einem Mund war, konnte der Mund auch nicht reden.
Sie war sichtlich überrascht. Sie zog ihre Augenbrauen hoch und schaute mich an. Sie konnte sich nicht weiter beschweren. Nach 2-3 Sekunden zog sie langsam ihren Kopf zurück und sagte empört:

„Was soll das?! So was macht man nicht! Du kannst nicht einfach meine Lippen  berühren und deine Finger sind bestimmt dreckig.“
Dann spuckte sie neben den Tisch. Offensichtlich hatte sie Angst vor Viren, die in ihren Mund gelangt sein konnten.
„Keine Angst, ich habe meine Hände letzte Woche gewaschen“, versuchte ich sie mit einem kleinen Witz zu beruhigen.
„Nein! Das geht ganz und gar nicht!“, wiederholte sie immer wieder, stand auf und rannte auf die Toilette.
Ich nutzte ihre Abwesenheit, um die Rechnung zu begleichen.
„Was für eine seltsame Begegnung?!“, dachte ich mir.
„Was du suchst, das sucht dich auch“, lautete ein Sprichwort.
Ich war durcheinander und zog aus diesem Grund auch nur verwirrte Menschen an.
Als sie zurückkam, sagte sie:
„Jetzt müssen wir los, sonst komme ich zu spät.“
Ich stand auf, begleitete sie zum Ausgang und hielt ihr die Tür auf. Als sie an mir vorbeiging, flüsterte ich ihr ins Ohr:
„Jetzt musst du langsam laufen, aber wenn du siehst, dass die Kellnerin uns hinterherrennt, musst du auch losrennen.“
Die hübsche Perserin schaute mich verständnislos an.
„Wie bitte?“
„Genau wie du gehört hast. Schön langsam und wenn die Kellnerin uns hinterherkommt, rennen wir los. Ich habe kein Geld und habe nicht bezahlt.“
„Das stimmt nicht. Du machst Witze.“
„Leider ist es bitterernst. Wenn du die Kellnerin kommen siehst, rennen wir beide los!“
„Das macht man nicht. Du spinnst“, sagte die Perserin und schüttelte ungläubig ihren Kopf.
„Wir könnten vielleicht ein anderes Mal zahlen...“, sagte sie. Dann zögerte sie ein wenig, ging einige Schritte zurück und machte die Tür der Gaststäte wieder auf, aber ohne mich aus ihrem Blick zu verlieren.
Hätte ich wirklich nicht gezahlt und wäre ich losgerannt, würde sie alleine da stehen.
„Auf Wiedersehen“, sagte sie zu der Kellnerin und die Kellnerin antwortete mit einem Lächeln. Die Perserin lachte laut und erleichtert auf und lief mit erhobenem Kopf hinter mir her.
„Ha ha– du bist ein Spaßvogel. Gib mir mal deine Telefonnummer.“
„Wir sehen uns bestimmt wieder, wenn es sein soll“, antwortete ich.
„Du willst mir deine Telefonnummer also nicht geben? Bestimmt hast du eine Freundin“, sagte sie, bevor sie sich auf  den Weg zum Hauptbahnhof machte.






Samstag, 3. November 2018

Die Selbstwahrnehmung der Bulgaren


Die Selbstwahrnehmung der Bulgaren

Ein Bulgare ist ein Held.

Zwei Bulgaren sind ein Team.

Drei Bulgaren sind ein Team mit einem Verräter.