Samstag, 15. April 2017

Zum ersten Mal zum Spaziergang in Tiergarten



Zum ersten Mal zum Spaziergang in Tiergarten

Es war ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne schien. Die Natur hatte die Blätter der Bäume in prächtigen, goldenen Farben bemalt. 
Ich war erst seit 10 Tagen in Berlin und wusste noch nicht, dass der Herbst in Deutschland eine Jahreszeit war, die nicht sehr lange dauerte und einen schnellen Übergang zu einem langen und dunklen Winter darstellte.
So ging ich lange durch die Alleen des Tiergartens spazieren, genoss den Anblick schöner Denkmäler und beobachtete, wie sich die Bäume in den Wasserkanälen widerspiegelten. Irgendwann fühlte ich mich ein wenig müde und setzte mich auf eine Parkbank hin.
Die Bank lag ein wenig versteckt hinter einer kleinen Brücke und bot eine wunderschöne Aussicht auf eine Vielfalt von Farben, in denen die Bäume erstrahlten. Es war einige Minuten menschenleer, bis ein alter Mann vorbeiging. Ich grüßte ihn mit einem Lächeln. Schließlich waren wir abgesehen von einigen singenden Vögeln die einzigen Lebewesen an diesem sonnigen Nachmittag. Er schaute mich lange und prüfend an, als er an mir vorbeiging, verlor aber kein Wort.
Ich erinnerte mich, dass es in Deutschland nicht angemessen war, Menschen zu grüßen oder anzulächeln, die man nicht kannte. Schließlich waren die Deutschen auch in Bulgarien als distanziert und kontaktscheu bekannt. Ich ging davon aus, dass er deswegen so auf meinen Gruß reagierte.
Umso größer war meine Überraschung, als ich den alten Mann nach wenigen Minuten zurückkommen sah.  
Vielleicht hatte er sich überlegt, dass er auf meinen Gruß antworten wollte.
Ich hatte gelesen, dass Menschen aus Deutschland lange Zeit brauchten bevor sie mit einem anderen Menschen Kontakt aufnahmen. Vieleicht hatte er es sich anders überlegt und wollte letztendlich einen freundlichen Eindruck hinterlassen.
So schaute ich den alten Mann wieder mit einem freundlichen Lächeln an und erwartete seinen Gruß. 
Er trug eine weiße Baseballmütze und hatte eine Brille mit dünnem, goldenem Rahmen auf. Seine Jeansjacke war bis oben hin zugeknöpft. Dieses Mal ging er einen Schritt langsamer an mir vorbei. Er schaute mich wieder lange und prüfend an.
Sein Blick hatte etwas Unklares, etwas Forderndes, als ob er etwas von mir erwarten würde...Der Typ war aus meiner Sicht unberechenbar. 
Oder bildete ich mir das nur ein?
Vielleicht war er einfach nur müde von seinem Spaziergang und wollte langsamer zurückgehen, damit seine Kräfte ausreichen würden, um nach Hause zu kommen.
Umso größer war mein Staunen, als er wiederkam und sich neben mich setzte. Ich fühlte mich ein wenig unwohl, seine körperliche Präsenz neben mir zu spüren. Er roch nach einem intensiven, herben Duft.
Was hatte das zu bedeuten? Was hatte er vor?
Körperlich war ich ihm überlegen. 
Für den Fall, dass er mich ausrauben wollte, hatte ich nichts zu befürchten. Schließlich hatte ich nicht umsonst viele Jahre intensiv Taekwondo praktiziert.
Ich versuchte mich zu entspannen. Vielleicht war es dem Alten danach, ein wenig Smalltalk über das herrliche Herbstwetter zu halten.

Ich schaute zuerst nach vorne. Dann schaute ich ihn an. Unsere Blicke trafen sich. Es gab etwas Trübes in seinen blauen Augen. Dann kam seine Frage:
„Darf ich Ihnen einen blasen?“
Ich stand auf und rannte so schnell ich konnte davon.