Sonntag, 22. Mai 2016

Deutschland ist kein guter Ort zum Sterben



Deutschland  ist kein guter Ort zum Sterben 

Ich war zum ersten Mal in der Abschiebehaft Grünau und fühlte mich wie in einem Gefängnis für Schwerverbrecher: 

Riesige, weiße Mauer mit Stacheldrahten und Videokameras sorgten dafür, dass keiner der Insassen nach außen gelangen konnte. Die Eingangstür war eine Schiebewand, die von einem Knopf betätigt wurde. Ich wurde von zwei uniformierten Beamten mit strengen Blicken durchgesucht, bevor ich auf das Gelände hineingehen durfte.  Ich wusste, dass die Menschen, die in diesem Gefängnis saßen, ein einziges Verbrechen in ihrem Leben begangen haben: Sie wurden nicht in einem EU Land geboren und durften deswegen nicht in Deutschland bleiben. Sie mussten zurück in ihre Heimat zurückkehren. 

Dieser Ort war eine Zwischenstation, von der aus ihre Abschiebung organisiert wurde. Ich musste für so einen Insassen dolmetschen. Ein Beamter führte mich in einen kleinen Raum hinein. Als ich den Bulgaren, für den ich dolmetschen sollte, sah, war mein erster Gedanke:

„Was machst du hier, Opa? Warum hast du dein Dorf und Familie verlassen, um in so einer sterilen und menschenfeindlichen Umgebung leben zu müssen?“

Der Mann war bestimmt Ende 70. Er hatte weiße Haare und ein weißes, sauberes Leinenhemd. Er hatte ein offenes und freundliches Gesicht. Damals war Bulgarien nicht Teil der Europäischen Union und jeder, der in Deutschland ohne gültiges Visum erwischt wurde, musste zurück geschickt werden. Das Gesetz sah vor, um Flugkosten zu sparen, dass der Mensch in das Nachbarland Deutschlands zurückgeschickt wurde,  wo er die Grenze überquert hatte. So waren die deutschen Beamten bemüht, herauszufinden,  woher der Opa nach Deutschland gelangte.

„Wie kamen Sie nach Deutschland?“, fragte der Beamte gleich am Anfang.

Der Raum des Verhörs  war nicht mehr als 14 qm und hatte ein kleines Fenster mit Gittern. Der Opa saß auf einem der drei Stühle. Ich saß ihm gegenüber. Die Beamten führten das Interview im Stehen. Ich übersetzte die Frage ins Bulgarisch.

„Zu Fuß“, sagte der Opa und zeigte auf seine Füße mit Stolz.
„Obwohl ich nächstes Jahr 85 werde, hören sie noch auf mich.“

Das war ein richtiger Abendteurer, dachte ich mir. Mit 85 zu Fuß in fremde Länder zu reisen. 

„Warum kamen Sie hier?“, fragte der zweite Beamte. Er hatte ein langes blasses Gesicht und trug eine Brille mit einem schwarzen Rahmen.

Ich übersetzte.

„Mein Sohn“, antwortete der Opa mit weicher Stimme.
 „Ich habe mein ganzes Leben in einem kleinen Dorf in den Bergen verbracht. Meine Geliebte ist letztes Jahr gestorben. Meine zwei Söhne sind in die Hauptstadt gezogen.  Ich habe nicht mehr so lange zu leben..“
„Schränken Sie sich bitte auf die Fragestellung ein!“, unterbrach das lange Gesicht die Ausführung des Opas. Ich übersetzte.
„Ich habe viel Gutes über Deutschland gehört und wollte mir anschauen, wie das Leben hier so ist. Im muss meiner Oma im Jenseits etwas Neues berichten können“, lachte der Opa gelassen.
„Wo genau haben Sie die Grenze überschritten?“, fragte der Brillenträger.

Ich war dabei, die Frage zu übersetzen, als der Opa zu mir sagte:

„Mein Junge, ich möchte hier nicht bleiben. Deutschland  ist kein guter Ort zum Sterben. Seit einem Monat muss ich in einer Zelle, die kleiner als dieser Raum ist, den ganzen Tag allein sitzen und habe keinen Kontakt zu anderen Menschen. Bitte sag den deutschen Jungs, sie sollten mich nach Hause schicken. Da will ich sterben.“

Ich übersetzte. Die Gesichter der Beamten blieben regungslos.

„Fragen Sie ihn, wo er genau die Grenze überschritten hat?“

Ich wusste, dass sie darauf waren, einfach Polen oder Tschechien als Antwort zu erfahren, damit sie den alten Mann da absetzen können, um Transportkosten zu sparen. Ich fragte den Opa.

„Ich habe die Grenze über den Balkan überschritten!“, antwortete er. Vom Dorfsbulgarisch übersetzt sollte das heißen, dass er über die Berge gelaufen war, um nach Deutschland zu gelangen. Die einfachen Menschen nutzten Balkangebirge als Synonym für einen Berg. Das wussten die Beamten natürlich nicht.

„Der Opa sagt, er ist von der balkanischen Halbinsel nach Deutschland gekommen“, sagte ich.
„Das kann nicht sein! Er sollte von irgendwo die Grenze überschritten haben, wenn er zu Fuß gelaufen ist!“, wandte der eine Beamte ein.
„Der Opa sagte noch, dass er das Gefühl hat, dass er bald sterben wird..“ setzte ich noch eine darauf.
„Das bleibt uns noch übrig!“, wandte der andere Beamte und flüsterte etwas ins Ohr seines Kollegen.
„Ja, schicken wir den Alten lieber die Tage mit dem Flieger nach Bulgarien zurück!“, hörte ich den anderen sagen.

Die Beamten haben die Übersetzung richtig verstanden.