Dienstag, 4. August 2015

Die Geschichte einer Migrantenfamilie



Die Geschichte einer Migrantenfamilie

Herr Petrov liebte seine Heimat Bulgarien. Er machte seinen Sommerurlaub nie im Ausland, sondern immer an der bulgarischen Schwarzmeerküste. 

Es war der erste Tag seiner zweiwöchigen Erholung, die er sich einmal im Jahr, immer vom 14. bis zum 28. Juli, leistete. Petrov kam mit dem Zug an. Er ließ seinen Koffer im Hotelzimmer liegen und zog sich aus. Er faltete seine Klamotten behutsam zusammen und legte sie auf einen der zwei Stühle. Dann cremte er seinen stark behaarten Körper sorgfältig mit Sonnenschutzfaktor 30 ein, zog seine Badehose an, nahm sein Badetuch und ging langsam zum Strand. 

Der Himmel war blau. Die Brise war angenehm auf seiner Haut zu spüren. Als er den Strand erreichte, wählte er vorsichtig einen ruhigen Platz aus. Er wollte es dieses Jahr ruhiger angehen und nicht im Gedränge von  fast nackten Körpern liegen.  Er fand den Platz, der wie für ihn gemacht war. Rund um ihn herum gab es keinen Menschen. Dort breitete er mit geschickten Bewegungen sein gelbes Strandtuch aus und legte sich vorsichtig auf seinen Bauch, so dass sein Rücken die knallende Sonne genießen konnte.

In diesem Moment kroch aus seinem Hintern ein kleiner Wurm in Begleitung eines großen Wurmes heraus. Beide Würme hielten sich die Hände. Es war das  erste Mal, dass der kleine Wurm nach draußen ging. Er atmete tief ein und aus und schloss voller Vergnügen seine Augen.
„Guck Papa, guck mal!“ sagte der Kleine nach einer Weile.
„Was?“, fragte der Vater Wurm grimmig zurück. In seiner Stimme war keine Begeisterung spürbar.
„Der Himmel ist so blau! Die Sonne ist so schön! Die Luft ist frisch und voller Energie!“
Der Vater sagte nichts. Er beobachtete aufmerksam das Geschehen draußen.
„Papa, warum sollen wir weiter in diesem engen, dunklen, feuchten und stinkenden Loch leben, wenn alles hier so schön ist!?“, fragte der kleine Wurm und schaute in Erwartung einer Antwort dem großen Wurm in die Augen. 
Der große Wurm erwiderte den Blick seines Sohnes mit Liebe und Strenge.
„Mein lieber Sohn“, sagte er nach zwanzig Sekunden Nachdenken.
„Du darfst nicht vergessen, dass dieses enge, feuchte, dunkle und stinkende Loch, wie du es eben beschrieben hast, unsere Heimat ist. Das ist unser Vaterland! Das ist der Ort, an dem wir geboren sind. Das ist der Ort, an dem wir sterben werden!!“
Die letzten drei Worte sprach der große Wurm  lauter und mit einer Mischung aus Hingabe, Begeisterung und Patriotismus aus. 

In diesem Augenblick ließ Petrov einen kräftigen Wind heraus und Papa mit Sohn Wurm flogen zusammen durch die Luft in Richtung Westen.