Hristo Stoichkov

Hristo Stoichkov

Ich saß in einem Bus, der mich auf den Weg zu einer Oase in der tunesischen Sahara bringen sollte. Zwei Tage davor saß ich im überfüllten Saal der Freien Universität Berlin mit 500 anderen Studienanfängern. Die Lesung der Volkswirtschaftslehre war sehr langweilig. Der Professor hatte mit Sicherheit die 70er Jahre überschritten und sollte meiner Meinung nach seit langem im Ruhestand sein. Er redete langsam, leise und in einer Tonlage, die perfekt zum Einschlafen wäre. Von den Diagrammen, die er an die Tafel zeichnete, verstand ich sowieso nichts. Ich machte mein Handy an und fand online diesen Last-minute-Flug. Ich konnte am kommenden Tag für 35 Euro hin und zurück nach Djerba fliegen. Sollte ich das machen? Das Semester hatte gerade vor einigen Wochen angefangen und der Winter war in Berlin bereits ausgebrochen. Es war grau und regnerisch und die Aussicht auf sechs weitere Wintermonate machte mir zu schaffen. Eine Woche unter der knallenden Sonne Nordafrikas zu sein, könnte mir gut tun. Ich habe diese Region noch nicht bereist und war gespannt auf die Menschen und ihre Kultur.

„Wenn man nicht genau wusste, ob man etwas machen oder lieber lassen sein musste, sollte man das auf jeden Fall tun, um nicht später im Leben zurückzublicken und das als verpasste Chance zu betrachten”, hatte mir einmal eine Freundin gesagt und ich war damit einverstanden. Ich buchte den Flug. In der Pause ließ ich mir von einem tunesischen Kommilitonen die Landeskarte von seinem Land auf eine Serviette malen. Ich fragte ihn, welche Orte ich innerhalb dieser Woche unbedingt besuchen und welche Gerichte ich auf jeden Fall probieren musste, notierte alles fleißig und buchte den Flug.

Der Bus war alt und man spürte, dass diese Landstraße in Tunesien nicht asphaltiert wurde. Draußen war es bereits dunkel. Es war kurz nach 21 Uhr. Ich wusste nicht, wo ich aussteigen sollte. Ich musste den Bus wechseln. Der Bus war voll und laut. Die Menschen redeten in einer mir unbekannten Sprache. Ihre Unterhaltung hörte sich so an, als ob sie miteinander streiten würden. Da ich kein Französisch kann, fragte ich den Mann, der neben mir saß, auf Englisch nach Hilfe. Er schaute mich intensiv an. Mit seinem Vollbart und schwarzem Turban würde er in Europa sofort für einen gefährlichen Taliban-Kämpfer gehalten. Zwei jüngere Männer, die vor uns saßen, drehten sich um und sahen mich auch aufmerksam an. Sie waren um die 30, hatten aber auch die traditionellen arabischen Gewänder namens Galabias an. Bald hörte ich sie laut sagen:

„Aaameeerika!! Aaameerika!!”

Danach schlossen sich viele andere im Bus denen an. Schnell wurde mir gegenwärtig, dass die Schreie gegen mich gerichtet wurden. Ich war der einzige Ausländer in diesem überfüllten Bus und unangenehmerweise in das Zentrum der Aufmerksamkeit geraten. Daraus auszubrechen war unmöglich. Auch wenn ich es schaffen könnte, wäre ich draußen in der Wüste ein leichtes Opfer von Skorpionen. Was konnte ich tun? Mir wurde es bange. Der unangenehme Geruch des kalten Schweißes, den mein Körper produzierte, war ein Indiz, dass ich in Gefahr war. In den Stimmen der Menschen war keine Gastfreundschaft zu spüren. Ältere und jüngere Menschen, die mit diesem Bus unterwegs waren, beobachteten mich mit einer Mischung aus Abneigung und Misstrauen und schrien so, als ob sie sich in einem Stadion befinden würden und ich als Anhänger der Gegner aus einem Missverständnis heraus einen Sitz in ihrem Block hätte. Der überfüllte Saal meiner Uni mit dem alten, langweiligen Prof. vorne kam mir wie eine traumhafte Mirage vor.

„Selber schuld!”, meldete sich mein Verstand zu Wort.

„Was Du suchst, sucht Dich auch!”, fügte er hinzu.

„Du wolltest Abenteuer, nicht wahr? Bitte schön!!!”, hörte ich ihn noch sagen, bevor die Schreie meine innere Konversation übertönten.

„Aaamerikaaaa!! Aaamerikaaaa!!”

Ich musste mir etwas einfallen lassen und schnell handeln. Als Amerikaner in einem arabischen Land abgestempelt zu werden war nicht das Beste, was einem Touristen passieren konnte und hätte kein glückliches Ende haben können. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, stand schnell auf und schrie so laut, wie ich konnte:

„No Amerikaaa, no Amerikaaa – Bulgariaaa-Bulgariaaaaaa!!”

Dann erinnerte ich mich, dass Bulgarien auf Französisch nicht Bulgaria, sondern Bulgarie hieß und passte meine Worte an diese wichtige Erkenntnis an. Ich schrie so laut wie ich nur konnte weiter:

„Bulgariiiie-Bulgariiie-no Aaamerikaaa-Bulgariiie!!!”

Im Bus war es einige Sekunden still. Einige flüsterten sich gegenseitig etwas zu. Die Businsassen verarbeiteten die Information. Kannten Sie überhaupt mein Land und konnten Sie mit meinen Rufen etwas anfangen? Ich wusste, dass sich Bulgarien in der Zeit von Gaddafi in Libyen einen schlechten Namen gemacht hatte. Angeblich sollten bulgarische Krankenschwestern eine Menge von Menschen absichtlich durch Blutübertragung mit Aids angesteckt haben. Sie wurden am Ende freigesprochen, aber der Gerichtsprozess hatte sich so lange hinausgezögert, dass wahrscheinlich das Image meines Landes dauerhaft geschädigt wurde. Hatte man in Tunesien davon gehört? Dann hätte ich mit meiner bulgarischen Herkunft nicht besonders gute Karten,

Bald hörte ich wieder Menschen schreien. In ihren Stimmen war dieses Mal ein anderer Unterton zu spüren. Mit einer Mischung aus Freude und Begeisterung riefen sie dieses Mal:

„Bulgarien-Bulgariiie-Stoichkov-Stoichkov”

Dann hörte ich für einige Minuten nur den Namen des Fußballers:

„Stoichkov-Stoichkov”

Ich atmete erleichtert auf. Ich war für diese Stimmungsänderung aus tiefstem Herzen dankbar. Auf einmal fühlte ich mich von diesen fremden, bis vor kurzem mir gegenüber feindselig eingestellten Menschen angenommen. Der Mann neben mir machte sein Handy auf und zeigte mir ein Video mit dem Tor von Stoichkov gegen Deutschland. Andere Beisassen nickten und lachten zustimmend. Die Busnachbar von vorne drehten sich zu mir um, klopften mir freundlich auf die Schulter und erklärten in gebrochenem Englisch, dass es für den heutigen Tag keine Anschlussmöglichkeit nach Tozeur mehr gäbe. Dann wurde ich von denen eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Alles dank des Namens eines Mannes:

Hristo Stoichkov!

Weltweit verbanden die Menschen Bulgarien mit dem Fußballer, der eine einmalige Mischung aus grenzenlosem Selbstvertrauen, das an Arroganz grenzte, Frechheit und enormem Fußballkönnen in sich trug.

Als ich in die Schule ging und beim Fußballverein meines Wohnviertels Slavia Sofia trainierte, hatte ich seinen Namen zum ersten Mal gehört. Er hatte gerade angefangen bei der ersten Mannschaft von ZSKA Sofia zu spielen. ZSKA war auch meine Lieblingsmannschaft. Ein guter Freund spielte bei ihrer Jugendauswahl und wurde zu seinem Liebling.

Stoichkov brachte ihm immer Schokolade, wenn er mit ZSKA unterwegs war, und ich wünschte, das wäre mir passiert. Stoichkov galt als jung, talentiert und wild. Er stellte eine Art Vorbild für mich dar, wie man sich bei einem Fußballspiel durchsetzen konnte. Dann kam das Sofioter Derby gegen Levski. Das ist in Bulgarien so, als ob in Deutschland Bayern München gegen Borussia Dortmund oder in Spanien Barca gegen Real spielen würde. Es gibt viel Spannung auf dem Feld und außerhalb. Meistens kommt es zu Krawallen. Bei diesem Spiel geht es um alles. Stoichkov konnte sein Temperament nicht bändigen. Er war mit den Entscheidungen des Schiedsrichters nicht einverstanden, trat ihm auf den Schuh und wurde für ein Jahr vom bulgarischen Fußballbund gesperrt. Er ließ sich aber davon nicht entmutigen, hielt an seinen Visionen fest und trainierte weiter. Schließlich bedeutet sein Nachname auf Bulgarisch übersetzt: derjenige, der durchhält.

Bald wurde er begnadigt und kehrte auf dem Fußballplatz zurück. ZSKA spielte gegen Barca in Spanien. Stoichkov traf. Johan Cruyff, der damalige Trainer der Katalanen, hatte sein Talent bemerkt, holte ihn zu sich und machte aus ihm einen Weltstar.

Stoikov, wie man ihn in Barca nannte, liebte Katalonien und Katalonien liebte ihn. Er holte mit Barca viele Titel und schoss wichtige Tore. Ich erinnere mich, wie ein Mitspieler von ihm seine Spielweise kommentierte:

„Wir geben alle 100%. Stoikov holt noch 20% dazu. Ich denke, er wurde mit Teufelsmilch gestillt!”

Bei einem Spiel während der Weltmeisterschaft in Frankreich zwischen Bulgarien und Spanien, als er als Kapitän der bulgarischen Mannschaft aufgetreten war, hatte er an seinem Oberarm neben der bulgarischen Nationalflagge ein Band mit der Fahne von Katalonien. Stoichkov war wie ein König in Bulgarien und konnte sich das erlauben. Ich überlegte, wie die Reaktion in Deutschland wäre, wenn Mesut Özil bei einem Spiel von Deutschland während der WM in Russland als Kapitän aufgestellt wäre und neben der deutschen Flagge die türkische an seinem Oberarm hätte.

Ein Freund von mir, der als Dolmetscher für die bulgarische Mannschaft während der Weltmeisterschaft in den USA tätig war, erzählte mir:

„Um bei einer Pressekonferenz von Stoichkov zu dolmetschen, reicht es nicht aus, fließend Bulgarisch und Englisch zu sprechen. Man muss der spanischen und katalanischen Sprache auch mächtig sein, da er viele Worte davon benutzt.”

„Haben Sie bereits gehört, dass das bulgarische Nationalstadion nach Ihnen benannt worden ist?”, fragte ihn der bekannte Fernsehmoderator in seiner Talk Show. Hristo Stoichkov schwieg einige Sekunden, als ob er nachdachte, ob das stimmen konnte und antwortete mit einer Gegenfrage:

„Du machst Witze oder?”

Ich erinnerte mich daran, dass nach der Preiskrönung von Christiano Rolando zum besten Fußballspieler der Welt der Flughafen auf der Insel seiner Geburt, Madeira, nach ihm benannt wurde. Ein Schriftsteller von der Insel schlug dann mit schwarzem Humor vor, dass die gesamte Insel nach Christiano Rolando umbenannt würde.

Hristo Stoichkov saß im TV Studio und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er spielte seit einigen Jahren nicht mehr und hatte zugelegt. Er hatte einen eleganten, dunklen Anzug mit einem weißen Hemd an. Seine Haare waren kurz und nach hinten gekämmt. Seine leuchtenden Augen verliehen seinem Gesichtsausdruck noch mehr Charakter. Der Fernsehmoderator machte ihm ein Kompliment:

„Sie tragen einen schönen Anzug”

Stoichkov lächelte.

„Habe ich mir von einem Freund ausgeliehen”, antwortete er selbstzufrieden. Ich bewunderte, wie wenig er sich darum scherte, was andere über ihn dachten, um so eine Antwort geben zu können.

Als Bulgarien bei der WM in den USA 1994 im Viertelfinale gegen Deutschland stand und deutsche Fernsehjournalisten ihn nach dem erwarteten Ergebnis fragten, machte Stoichkov von seinen Deutschkenntnissen Gebrauch und antwortete vor laufenden Kameras:

„Zu eins, zu zwei, zu drei!”

Als die Journalisten wissen wollten, ob er ein Tor gegen das deutsche Team schießen würde, antwortete er ohne nachzudenken:

„Ich kann ein Tor gegen jede Mannschaft dieser Welt schießen.”

Genau das machte seine Brillanz an – er versprach viel und erfüllte das Versprechen. Er schoss sein Tor gegen Deutschland, warf das Team von Berti Vogts aus dem Turnier und wurde zum Torschützenkönig der Weltmeisterschaft und bestem Spieler Europas gewählt. Dann wechselte er zuerst nach Italien, danach spielte er in Saudi-Arabien, Japan und den USA, bevor er seine Fußballerkarriere beendete.

Viele Jahre waren seitdem vergangen, aber Stoichkov prägte das Image Bulgariens weltweit mehr als sein Namensvetter Christo Javaschev, der den Reichstag verpackte, oder Elias Canetti, der den Literaturnobelpreis erhielt. Stoichkov arbeitete eine Weile als Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft und konnte von der Trainerbank nicht länger das erfüllen, was er versprach. Er machte eher wieder mit seinen Sprüchen auf sich aufmerksam.

Nach den Niederlagen von Schweden mit 3:0 in Sofia und 3:0 in Stockholm, analysierte er vor den laufenden Kameras:

„Ich kann es mir nicht erklären, wie ein Land, das nur vom Wasser umgeben ist, stärker als unser Team sein kann.”

Der bekannte Fernsehmoderator hakte nach:

„Als Louis van Gaal als Trainer nach Barcelona kam und Sie auf die Ersatzbank setzte, hatten Sie nicht den Wunsch etwas gegen ihn zu unternehmen?”

Stoichkov nickte zustimmend und antwortete:

„Im Umkleideraum kam mir in die Tat oft der Gedanke, meinen Fußballschuh gegen seinen klugen Kopf zu werfen, aber ich habe es doch sein lassen.”

Ich erinnerte mich an das Geschehen in der tunesischen Wüste und dachte:

„Hättest Du auch Deinen Fußballschuh gegen den Holländer geworfen, wäre es Dir verziehen!”

Später erfuhr ich, dass Stoichkov als Generalkonsul Bulgariens in Barcelona tätig war. Ein besserer Repräsentant konnte für diesen Posten in Katalonien mit Sicherheit nicht gefunden werden.

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