Montag, 6. Juli 2015

Das Mädchen aus Zürich



Das Mädchen aus Zürich

Es war einer dieser Sommertage, die die Stadt Zürich zu den besten Orten der Welt machten. Der Zürichsee war voll mit gut gelaunten Menschen. Live-Musik aus aller Herren Länder war alle 20 Meter zu hören. Kinder spielten unbekümmert auf den reinen, grünen Wiesen vor dem chinesischen Garten, und die Eisverkäufer freuten sich über gute Umsätze. Ich war auf meinem Fahrrad auf dem Weg zu einem Strand, der mir als einer der besten am See empfohlen wurde. Dann sah ich dieses Mädchen. Es lief an mir vorbei und für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke. Eine Sekunde, die mich ganz schön durcheinander brachte. Sie sah bezaubernd aus: goldene, blonde, lockige Haare, Sommersprossen in einem süßen Gesicht mit grünen Augen, ein leichtes Sommerkleid, das bis zu den Knien ihre schöne Figur bedeckte und die runde Form ihrer üppigen Brüste zur Schau stellte. Ich fuhr weiter, aber sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte, das war nicht das erste Mal, dass ich dieses Mädchen traf. In meinem Kopf hämmerte es: Woher kannte ich es? Hatte ich mich mit ihr bereits unterhalten? Wo und Wann? Normalerweise konnte ich mich gut an Menschen und ihre Gesichter erinnern, wenn ich mit ihnen zuvor schon einmal geredet hatte. Bei diesem Mädchen hatte ich dieses Gefühl. Ich drehte die Pedale meines Fahrrads weiter, aber mein Kopf war vollkommen mit diesen Fragen beschäftigt. Und wenn man sich klare Fragen stellt, bekommt man meistens auch klare Antworten. Sie kamen schnell:
„Klar kennst du sie!“
„Du bist mit ihr vor 6 Wochen von Bern nach Zürich in einem Zugabteil gefahren.
„Ihr habt die ganze Zeit geredet. Sie machte einen sehr gebildeten Eindruck auf Dich.“
„Ihr habt sogar Email-Adressen ausgetauscht und du hast ihr geschrieben und sie antwortete Dir. Du musstest verreisen, deswegen kam es zu keinem Wiedersehen.“
„Jawohl, jetzt hat Dir das Leben eine zweite Chance gegeben. Nutze sie!“
Ich drehte zügig das Fahrrad um und fuhr so schnell in die Richtung des Mädchens wie es mir mein altes Fahrrad erlaubte. Es war schön heiß und ich schwitzte viel, wollte aber nicht diese Chance verpassen. Nachdem ich 5 Minuten zurückgerast war, konnte ich sie in einer der Straßen einholen. Sie bewegte sich graziös. Ich verlangsamte das Tempo und kam mit Freude auf sie zu. Ich wollte sie nicht verschrecken. Ich berührte sie sanft an ihrer rechten Schulter. Ich bemühte mich, so sacht wie möglich zu sein.  Sie drehte sich zu mir. Ich lächelte sie an. Die Sonne schien in diesem Augenblick ein Stück stärker. Sie schwieg.
„Wir kennen uns doch!“, konnte ich mit Mühe aussprechen. Ich war noch außer Atem.
„Klar! Vom Zug!“, erwiderte sie und fügte schnell hinzu:
„Jetzt habe ich aber keine Zeit!“
Dann drehte sie sich wieder und ging weiter ihren Weg.
Ihr Gesicht blieb regungslos. Keine Emotion, nicht mal ein Lächeln! Nur eine kühle Feststellung. Sie wusste also bereits Bescheid, woher wir uns kannten und ich musste mir erst den Kopf darüber zerbrechen und ihr wie ein Wahnsinniger hinterher fahren. Sie wusste es noch, als sie mir auf der Straße davor zufällig begegnet war und hatte mich nicht einmal gegrüßt. Ein kurzes Kopfnicken oder ein kleines Grinsen hätten vollkommen gereicht.  Ich roch meinen Schweiß, spürte die Sonne in meinem Gesicht, schaute, wie sie sich mit schnellem, zielgerichtetem Gang entfernte, und kam mir erbärmlich dumm vor. Ich fühlte mich wie ein Obdachloser, der nach Almosen gefragt hatte. Sie hatte mich so abgewimmelt, also ob sie mich noch nie zuvor in ihrem Leben getroffen hätte, als ob wir zwei uns vollkommen fremd wären. Und ich dachte bei unserer Zugbegegnung, dass sie so schön, klug und interessant war. Vielleicht war sie das auch. Vielleicht war so etwas in der Schweiz normal. Ich entschied mich, zurück zum Zürichsee zu fahren und einmal zum Wohl der Schweizer Männer ins Wasser zu springen. Ich musste Mitgefühl für diese Menschen entwickeln. Als ich den See erreichte, zog ich meine Klamotten aus und sprang hinein. Das Wasser war erfrischend. Man sagte vom Zürichsee, dass man sein Wasser trinken könne. Beim Schwimmen hörte ich eine Stimme. Sie kam aus der Tiefe des Sees und offenbarte mir den Geist dieser Stadt. Die Stimme sprach auf Englisch zu mir:

In the Mecca of capitalism
I feel fanaticism
If the beauty of a town can be measured
By the number of smiling girls that can be found
Zurich, you will be the number one, but the other way around”

Ich erzählte einige Tage später einer Freundin die Geschichte. Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte am Ende:
„Diese Geschichte habe ich bereits gehört!"
„Wahrscheinlich ist die Geschichte so banal, dass sie sie kannte..", dachte ich.
„Übrigens heißt `das Mädchen aus Zürich´ Sarah und wir sind gut miteinander befreundet", unterbrach die Stimme meiner Freundin meine Gedanken.
„Wie bitte?!", konnte ich nur sagen. Ich wusste, dass Zürich 400.000 Einwohner hatte und dass sich die jungen Menschen untereinander kannten. Gleichzeitig war es für mich unglaublich, dass diese Freundin von mir `das Mädchen aus Zürich´ so gut kannte.
„Ja, Sarah meinte, dass Du nach Eurem Treffen im Zug einfach verschwunden wärst."
„Aber ich musste mit meinem jobbedingt verreisen…"
„Davon hat sie nichts erzählt. Vielleicht wusste sie das nicht."
„Hat sie deswegen so reagiert?"
„Ja!"
„Verrückt!", sagte ich.

Das Leben brachte uns täglich Chancen, neue Menschen kennenzulernen. Oft hielt unser Ego uns davon ab, sie als solche zu erkennen.

Ich nahm mir vor, beim nächsten Schwimmen im Zürichsee das mit dem Geist des Sees auf Schwizerdütsch zu besprechen.