Die Meinung der Anderen – eine Geschichte aus dem bulgarischen Volksmund

Die Meinung der Anderen – eine Geschichte aus dem bulgarischen Volksmund 

Dragan wanderte durch die Berge. Es war ein heißer Tag und er hatte 12 Kilometer vor sich. Der Weg war steinig und steil. Seine Schuhe drückten, aber nicht nur das – auch der Durst machte ihm zu schaffen. Die Hitze war unerträglich. Er entschied sich, die Wassermelone zu essen, die er in seinem Rucksack mitschleppte. Das würde seinen Durst löschen, ihm mehr Kraft geben und nicht zuletzt sein Gepäck um einiges leichter machen. Er suchte sich einen schönen Schattenplatz unter einer großen Eiche und machte es sich bequem: Er setzte sich hin, streckte seine Beine aus, holte die Wassermelone und ein kleines Taschenmesser heraus und schnitt sie mit einer schnellen Handbewegung durch. Während er das Geräusch hörte, wusste er schon, dass er die richtige Wassermelone ausgesucht hatte. Reif, aber nicht überreif, und zuckersüß. Er lernte das noch als Kind, wie man die richtige aussucht. Mit der einen Hand muss man immer die Wassermelone am „Po“, also an der Rückseite, halten und mit der anderen auf ihr „Gesicht“ klopfen. Wenn das Klopfen der Hand am Po auf der Gesichtsseite gut spürbar war, dann deutete das auf eine leckere Wassermelone hin. Er schnitt die ganze Melone in vier gleichmäßige Teile und aß mit großem Genuss jedes Stück. Dabei achtete er darauf, dass ein wenig von der Frucht auf der Schale übrigblieb. Dabei hatte Dragan den folgenden Hintergedanken:

 "Die Leute, die nach mir durch diesen Weg laufen, müssen denken, dass hier ein wohlhabender Mann gespeist hat, der es nicht nötig hatte, die ganze Wassermelone aufzuessen..." Als er fertig war, lagen nur 4 grüne Schalen der Melone am Boden unter dem Baum und jede von ihnen hatte noch etwas von der roten Frucht darauf. Bevor sich Dragan weiter auf dem Weg machte, dachte er kurz nach und kratzte sich am Kopf. Dann setzte er sich wieder hin, nahm eine nach der anderen jede der vier Schalen in die Hand und aß den Rest der Frucht auf der Schale auf. Dann sagte er laut vor sich hin: 

"Die Leute, die nach mir durch diesen Weg laufen, müssen denken, dass hier ein wohlhabender Mann gegessen hat, der seinen Diener bei sich hatte, der die Reste der Wassermelone aufgegessen hat..." Er packte das Messer in seine Tasche und stand wieder auf. Dann schaute er auf die grünen Schalen der Wassermelone, schüttelte seinen Kopf, nahm sie in die Hand und aß sie stehend auf. Als er komplett alles aufgegessen hatte, sagte er wieder laut vor sich hin: 

"Die Leute, die nach mir durch diesen Weg laufen, müssen denken, dass hier ein wohlhabender Mann gegessen hat, der nicht nur seinen Diener, sondern auch sein schönes weißes Pferd arabischer Rasse dabei hatte, das die Reste der Melone verschlungen hat." 

Ein pechschwarzer Rabe flog eine Stunde später vorbei, sah die Wassermelonenkerne auf dem Boden liegen und aß sie auf. Dabei dachte er sich: "Ich muss unbedingt einen Zugang zu der Gästeliste für die Parties der Eule finden, die diese Eiche bewohnt. Jede Nacht feiert sie wilde Parties und ihre Freunde schlagen sich den Bauch mit Leckereien voll und ich muss mich nur mit den Resten begnügen...Schließlich habe ich im Wald einen ausgezeichneten Ruf und meine Anwesenheit wäre eine Bereicherung für jede Veranstaltung"


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