Meine erste Begegnung mit der Deutschen Polizei


Es war das erste Mal, dass ich einen Zug in Deutschland benutzte. Man muss den öffentlichen Verkehr nutzen, um die Kultur eines fremden Landes kennenzulernen.  Ich hatte von der Existenz des Wochenendtickets gehört und fand es großartig, dass man ein Ticket kaufen und damit so viel wie man wollte quer durch Deutschland fahren konnte. Ich wollte bulgarische Freunde in Hannover besuchen und hatte mir eine solche Fahrkarte gekauft. Nach einem schönen erlebnisreichen Wochenende in Hannover nahm ich am Sonntag den letzten Zug zurück nach Berlin. Es war spät, so gegen 22 Uhr. Ich fühlte mich erschöpft. Ich stieg ein, setzte mich hin und schlief noch am Anfang der Fahrt sanft ein.

Eine grobe Stimme riss mich aus dem Schlaf und erschreckte mich.

Ich machte meine Augen auf und sah eine kleine kräftige blonde Frau um die 40, die eine dunkelblaue Uniform und Brille trug und erwartungsvoll vor mir stand. Ich lächelte sie an. Ihr Gesicht blieb regungslos.

„Ihre Fahrkarte bitte!!!“

„Guten Abend! Ein Moment bitte!“, sagte ich und holte aus meiner Tasche meine Fahrkarte. Ich empfand es immer als sehr unhöflich, wenn Menschen auf diese Art aufgeweckt wurden, aber das war schließlich ihre Arbeit.

Sie schaute zuerst die Karte und dann mich mit prüfendem Blick an.

„Diese Karte ist für diesen Zug ungültig!“

„Bitte?“

„Die Fahrkarte berechtigt sie nicht, mit diesem Zug zu fahren!“

„Ich bitte Sie! Das ist ein Wochenendticket und heute ist Sonntag.“

„Das Wochenendticket gilt nur für Nahverkehrszüge und das ist ein Schnellzug. Also Sie haben keinen gültigen Fahrausweis!“

Ich verstand damals nicht so recht ihre Erklärung. Ich dachte damals, dass alle Züge in Deutschland Schnellzüge waren.

Ich spürte aber, dass ich in eine unangenehme Situation geraten war.

„Entschuldigen Sie, aber ich bin erst seit einem Monat in Deutschland und das ist das zweite Mal, dass ich in Ihrem Land einen Zug benutze. Auf dem Weg von Berlin nach Hannover wurde ich kontrolliert und das Ticket war gültig und jetzt sagen Sie so was“, versuchte ich Verständnis für meine Situation hervorzurufen.

„Haben Sie Geld dabei?“, blieb die uniformierte Dame emotionslos und ging nicht einmal auf meine Erklärung ein.

„Leider habe ich alles, was ich hatte, in Hannover ausgegeben.“

„Ihr Ausweis bitte?“, wiederholte sie streng.

„Ich habe Ihnen doch den Fahrausweis gegeben.“

„Personalausweis!!“, wiederholte sie lauter und schaute mich mit dem Blick eines Polizisten an, der einen Verbrecher direkt am Tatort erwischt hatte.

Ich musste schnell nachdenken- ich hatte weder Pass noch Geld bei mir. Ich schaute mich um. Ich hoffte, jemand würde mir helfen. In meinem Abteil herrschte Stille. Eine alte Dame war in ihr Buch vertieft, ein junger Mann mit seinem Handy beschäftigt. Alle taten so, als ob sie nichts mitbekommen hätten. Meine einzige Chance war, bei der Schaffnerin ein Mitgefühl oder Verständnis auszulösen.

Damals wusste ich noch nicht, dass derartige Vorhaben bei deutschen Ordnungshütern mit der Suche nach Wasser in der Wüste vergleichbar waren.

„Ich habe keinen Reisepass bei mir, aber meinen Studentenausweis. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, bin ich erst paar Wochen in Deutschland, um hier zu studieren. Ich komme aus Bulgarien. Waren Sie schon mal in Bulgarien?“

Ich wusste, dass in der sozialistischen Zeit viele der ostdeutschen Bürger Wanderungen in den schönen Bergen meines Landes gemacht hatten und manche auch die sonnige Schwarzmeerküste kannten. Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

Die uniformierte Dame drehte sich daraufhin um und verschwand, ohne ein Wort zu sagen oder mich eines Blickes zu würdigen. Ich dachte, vielleicht war das die deutsche Art zu verzeihen. Warum sollte sie sich mit so einem armen Schwein wie mir weiter beschäftigen und Zeit und Energie verlieren? Ich setzte mich wieder hin und versuchte wieder einzuschlafen. Es gelang mir aber nicht mehr. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl.

Mein Gefühl täuschte mich nicht. Als der Zug in Magdeburg anhielt, kam die Dame wieder. Dieses Mal in Begleitung von zwei Polizisten und einem Schäferund. Der Hund war alt und hatte einen Maulkorb. Er kam auf mich zu, ohne ein Zeichen der Aggressivität. Eine Erinnerung an meinen Hund Leon in Sofia kam bei mir hoch.  Instinktiv ging meine Hand los und streichelte seinen Kopf. Er war der einzige in meiner Umgebung, der von meiner Unschuld überzeugt war. Die Bullen forderten mich kurz auf, den Zug zu verlassen und begleiteten mich schweigend zum nächsten Polizeirevier. Es war kühl und ich musste meinen Mantel zuknöpfen. Eine schlaflose Nacht wartete auf mich. Gegen mich wurde eine Anzeige erstattet.

Seitdem habe ich ein neues Wort zu meinem deutschen Wortschatz hinzugefügt:

Leistungserschleichung


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