130 Franken für zwei Nächte mit einer Löwin
130 Franken für zwei Nächte mit einer Löwin von Veso Portarsky
"Alejandro, wie hast du es geschafft, an so eine hohe Position ranzukommen?", fragte ich meinen Freund. Er war Leiter eines der grössten Afrika Festivals in Europa geworden. Das Festival fand einmal im Jahr zu Pfingsten in der Schweiz statt und gehörte zu den grössten solcher Art. Alejandro war mit einem anderen, italienischen Freund zu Weihnachtszeit zu Besuch bei mir gekommen. Wir tranken Rotwein in meinem Wohnzimmer und genossen unser Wiedersehen.
"Reines Glück", antwortete er und schaute mich mit seinen müden Ochsenaugen an.
"Ich war nach meinem letzten Job als Projekt Manager in einer Galerie in Basel arbeitslos und die Stelle wurde mir von der Arbeitsagentur angeboten. Komm vorbei! Ich lade dich ein. Es wird lustig und viele Freunde werden dabei sein!", fügte er mit seinem charmanten Akzent hinzu.
Ich kannte Alejandro schon seit 20 Jahren. Damals war er Tänzer und Frauenjäger. Wir machten viel Party in Berlin zusammen und trafen uns bei gemeinsamen Freunden auf Sardegna. Wenn ich eine Lesung in Zürich hatte, kam er auch vorbei. Da man Einladungen von langjährigen Freunden nicht ausschlagen darf, buchte ich sofort mein Flugticket. Es gab 5 Monate und damit genug Zeit, um eine kurze Reise für 3-4 Tage zu organisieren. In meiner Imagination sah ich mich mit einem Festivalpass um den Hals vor Bühnen mit lebendiger Musik sorgenlos tanzen und anschliessend im Backstage exotische Speisen verkosten und hübschen afrikanischen Tänzerinnen näherkommen.
Die Wochen vergingen schnell und ich fragte per WhatsApp nach:
"Ciao Alejandro, ich habe den Flug gebucht und werde von 20-24.05 da sein. Werde ich bei dir übernachten?"
"Veso, bei mir geht es nicht, aber ich werde für dich eine Unterkunft organisieren", antwortete er.
Ich bekam daraufhin eine Bestätigung der Reservierung für ein Zimmer in einem Dorm mit drei anderen Leuten in einem Hostel.
"In deinem Alter im Hostel zu übernachten solltest du als eine Erniedrigung empfinden!", merkte meine Mutter an, aber ich teilte ihre Meinung nicht. Für mich bot das eine Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören. Was mich beunruhigte, war, dass auf der Reservierung nur die erste und die letzte Nacht stand. Ich schrieb Alejandro noch einmal an:
"Alejandro, vom 20/21 und von 23/24.05 ist das Bett reserviert, aber muss ich die zwei Nächte dazwischen im Wald nebenan übernachten?"
"Veso, ich habe viel Stress im Moment. Bitte kümmere dich darum", liess er eine Nachricht auf meinem AB. Ich übernahm die Verantwortung, buchte die erste Nacht von 20/21 auf die 22/23.05 um und organisierte die ersten zwei Nächte bei einem peruanischen Freund in Zürich zu verbringen.
Alles lief nach Plan und einige Tage vor meiner Abreise schrieb ich meinen Freund an:
"Alejandro, ich komme, wie machen wir es mit dem Ticket? Setzt du mich auf die Gästeliste oder bekomme ich eine Art Akkreditierung?"
"Veso, melde dich hier an, um einen Ticket zu bekommen", kam als Antwort und ein Link. Ich klickte und kam auf die Seite des Festivals. Es gab Infos für ehrenamtliche Helfer. Man musste zwei Schichten jeweils für 4 Stunden mithelfen, um freien Eintritt ins Konzert zu bekommen. Zur Auswahl stand eine Mitarbeit an der Bartheke, beim Bühnenauf- oder abbau oder beim Aufräumen. Bei einem Aufenthalt von guten 30 Stunden musste ich 16 Stunden arbeiten, um zwei Konzerte zu besuchen, dachte ich mir und erinnerte mich an das Sprichwort: nur der Käse in der Mausfalle ist kostenfrei.
Ich entschied mich, meinen Freund noch einmal mit mir zu beschäftigen. Ich wusste, dass er viel um die Ohren hatte, aber wenn er jemand einlädt, muss er sich um die Person kümmern.
"Alejandro, ich habe mir diesen Link angeschaut, aber ich komme am Freitag erst am Abend und fliege am Sonntag früh zurück. 16 Stunden Mitarbeit wären nicht machbar und darüber hinaus musst du solche Sachen im Voraus mit mir kommunizieren!"
"Veso, es kommen viele Freunde und alle freuen sich, zu helfen", kam als Antwort zurück.
Ich schaute auf die Webseite des Festivals. Es gab dicke Sponsoren aus der Wirtschaft. Der Schweizer Staat förderte auch das Event. Bekannte Musiker wurden aus Afrika eingeflogen. Ich fragte mich, wieso eine so gut betuchte Veranstaltung auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen sein sollte und dachte, das wäre für die Schweizer eine Art Möglichkeit zur Sozialisierung - sie machten das, um neue Menschen zu treffen. Ich hatte vor Jahren versucht, Fuß in der Schweiz zu fassen, und war daran gescheitert, dass es so schwer war, neue Freunde zu gewinnen. Ich entschied mich, Alejandro ein Feedback zu geben.
"Amigo, das wäre so, wie wenn du im Dezember bei mir schliefst, dass ich dir die erste und die letzte Nacht umsonst das Zimmer zur Verfügung stellte und für die zwei übrigen Nächte dich meine Wohnung putzen liess! Bitte setze mich am Freitagabend auf die Gästeliste für das Konzert und am Samstag helfe ich dir, wenn nötig."
Ein Ok-Zeichen kam als Antwort. So verbrachte ich die ersten zwei Tage und Nächte in Zürich und machte mich am Freitag gegen 18 Uhr auf dem Weg nach Winterthur. Ich wollte in aller Ruhe zuerst einchecken und dann ins Konzert gehen. Das Hostel lag nicht weit vom Hauptbahnhof und trug den Namen Depot, weil es sich tatsächlich um ein ehemaliges handelte.
"Grüezi wohl", begrüsste mich ein junger Mann an der Rezeption.
"Hallo! Ich habe eine Buchung gemacht und muss heute und morgen bei Ihnen übernachten", erklärte ich und reichte ihm meinen Ausweis.
Er schaute in seinem PC und nickte.
"Das stimmt, aber Ihr Zimmer ist nicht bezahlt worden."
"Sind Sie sicher?"
"Ja!"
"Ich bin hier eingeladen worden und kläre das so schnell wie möglich."
"Machen Sie es bitte!", sagte er und übergab mir Bettbezüge und eine Karte für mein Zimmer.
Komisch, vielleicht hat Alejandro es vergessen, dachte ich. Als ich die Tür aufmachte, liess mich eine Geruchswelle von Schweiss und Alkohol einen Schritt zurück machen. In einem der Betten schnarchte ein Mann, der wahrscheinlich viel Party gemacht hatte. Seine Klamotten und Uhr lagen auf dem Boden. Ich atmete tief ein und lief schnell zum Fenster, um es aufzumachen. Danach ließ ich zügig meine Sachen im Schließfach und machte mich auf dem Weg. Das Konzert sollte um 19 Uhr anfangen. Eine bekannte Reggae-Musikerin aus Jamaika war angekündigt. Ich sah Alejandro vor der Halle. Er diskutierte etwas mit einer Kollegin. Als er seine Diskussion beendete, gab ich ihm eine Umarmung.
"Das ist ein Freund, der aus Berlin für das Festival gekommen ist", stellte er mich der Dame vor. Sie war um die 50 und sah wie eine Geschäftsfrau aus. Als sie weg war, erzählte ich ihm, dass mein Bett nicht bezahlt wurde.
"Das kann nicht sein!", ärgerte er sich und öffnete sein Telefon.
"Ich habe es über Booking bezahlt. Schau mal!"
"Bitte schick mir die Bestätigung noch einmal. Bestimmt ist es ein Missverständnis."
"Ok! Ich muss jetzt los."
"Warte kurz! Wie läuft es mit dem Einlass? Gibst du mir einen Festivalpass?"
"Sag am Eingang, dass du auf der Gästeliste bist und wenn sie dich nicht finden, sag, dass sie Petra holen sollen. Das ist die Frau, die du eben trafst."
"Alles klar! Morgen helfe ich dir, wenn du Hilfe brauchst!"
"Veso, du bist wie eine Diva! Alle Freunde, die gekommen sind, helfen!"
"Alejandro, ich bin gekommen, weil du mich eingeladen hast. Wenn du Menschen einlädst, musst du auch erklären, dass sie auch arbeiten müssen. Das musst du aber im Voraus kommunizieren."
"Ich mag deine Energie heute nicht!", sagte er, stieg auf ein Fahrrad und verschwand.
Alles wird gut, versuchte ich mich zu beruhigen und ging zum Konzert. Petra stand hinter dem Tisch, wo die Gästeliste war. Mein Name war nicht zu finden, aber sie erkannte mich wieder und gab mir ein Bändchen. Der Saal war voll und die Reggae-Musikerin trug vergoldete Sonnenbrillen. Ich nahm einen Drink und versuchte mich auf die Musik einzulassen. Vor mir tanzte eine langbeinige Blondine und machte gleichzeitig Videos, die sie mit einem Küsschen für ihre Follower abschloss. Sie sah reizend aus. Einem solchen Mädchen näherzukommen, wäre mehr als eine angemessene Entschädigung für die Strapazen des Weges hierher, dachte ich.
"And now say to your neighbours how happy you are to share the dancefloor together!", forderte die Sängerin und ich nutzte das, um mit der Blondine in Kontakt zu kommen.
"Happy to share the dancefloor with you!", lächelte ich sie an.
Sie nickte kurz ohne zu lächeln und tanzte weiter. Na ja, ich durfte nicht vergessen, dass ich mich in der Schweiz befand. Die Frauen brauchen mehr Zeit und Alkohol, um sich zu entspannen, dachte ich und tanzte weiter. Es war ziemlich eng und ab und zu streifte meine Hand an ihre langen goldigen Haare. Eine Viertelstunde war vergangen, als sie sich umdrehte und mich anschaute. Wie schön, dass das Eis so schnell geschmolzen ist, dachte ich, als ich ihre strenge Stimme hörte:
"Distaaaanz!"
"Drink? Do you like to have a drink?", tat ich so, als ob ich sie nicht verstehen würde:
"Distanz! Mehr Distanaaaz. No touch!", wiederholte sie.
"Oh Mann", dachte ich. "Willkommen in der Schweiz!"
"Swiss women are not easy, my man!", merkte ein schwarzer, gut gebauter Bursche an, der neben mir war und das ganze beobachtete.
"Oh yeah", gab ich ihm recht.
Das Konzert war bald zu Ende. Ich ging nach Hause. Mein Bett befand sich in der zweiten Etage. Genau über dem Bett vom Partygänger. Er war nicht da.
"Muss hier tierisch aufpassen, wenn ich in der Nacht auf die Toilette gehe, dass ich mir nicht die Knochen breche", dachte ich und schaute den Weg auf der Holztreppe nach unten. Ich kletterte zweimal hoch und runter, damit mein Gehirn das speichern konnte.
Die Nacht war trotz der Übung nicht einfach. Zweimal musste ich aufs Klo. Die Strecke dorthin betrug rund 25 Meter – eine kleine Expedition, bei der ich jedes Mal darauf achten musste, die Zimmerkarte mitzunehmen, um nicht vor verschlossener Tür zu stehen. Obwohl ich mir Ohrstöpsel eingesetzt hatte, musste ich noch zweimal nach unten gehen, um einen schnarchenden Menschen wachzurütteln. Aufgrund der Lautstärke und des gewaltigen Klangvolumens war ich fest davon überzeugt, dass es sich um einen großen Mann handeln musste. Am nächsten Morgen stand jedoch eine hochgewachsene Afrikanerin in einem prachtvollen Gewand vor mir. Angesichts ihrer beeindruckenden Erscheinung traute ich mich nicht, ihr zu sagen, dass sie sich in der Nacht akustisch wie eine Löwin auf der Jagd verhalten hatte.
Ich musste positiv bleiben und dankbar sein, dass ich die Nacht unversehrt überstanden hatte. Da piepste mein Handy. Eine Nachricht von Alejandro
"Ich brauche Hilfe für Aufbau einer Bühne am Kirchplatz", schrieb er.
"Ich komme, aber muss zuerst mit meinem Bett hier die Sache klären."
"Ihr Zimmer ist nicht bezahlt und Sie dürfen hier nicht bleiben!", begrüßte mich ein anderer Mann an der Rezeption. Er war älter und sprach mit der Autorität einer Person, die Entscheidungen fällen durfte.
"Moment mal!", sagte ich und zeigte ihm die Reservierung.
"Ja, Reservierung ist gemacht worden, aber die Kreditkarte lässt sich nicht belasten."
"Wissen Sie, ich bin hier eingeladen worden. Ein Freund von mir ist einer der Organisatoren des Festivals. Ich treffe ihn gleich und kläre alles mit ihm."
"Machen Sie es so schnell wie möglich. Sonst dürfen Sie hier nicht bleiben!", wiederholte er.
Ich fand den Kirchplatz relativ schnell. Als ich ankam, war aber die kleine Bühne schon fertig.
"Du bist spät, Veso!", sagte Alejandro.
"Entschuldige, aber ich musste zürst hier im Hostel das mit meinem Bett klären. Kannst du kurz dort anrufen?"
"Keine Zeit jetzt! Machen wir später", sagte er und verschwand.
Ich ließ mich treiben. Ich schaute, dass die Rezeption im Hostel zwischen 12 und 15 Uhr nicht besetzt war, und entschied mich, solange das mit der Zahlung nicht geklärt war, nur in diesem Zeitraum dort zu erscheinen. Ich musste sowieso mein Handy aufladen und im schlimmsten Fall würde ich wieder eine Unterkunft in Zürich für meine letzte Nacht bei Freunden suchen. Der Sonnenschein wurde intensiver und ich war verschwitzt, als ich wieder im Hostel ankam. Auf dem Weg zur Dusche holte mich die Stimme vom Chef ein.
"Konnten Sie das mit der Zahlung klären?"
Er war dabei, den Boden abzuwischen.
"Lassen Sie mich bitte eine Dusche nehmen und wir klären alles", antwortete ich. Man sagte, dass das fliesende Wasser uns von fremden Energien reinigt - sowohl den Körper als auch den Geist. Ich trocknete mich in meinem Zimmer ab und kletterte mit Mühe in die zweite Etage hoch. An die Tür klopfte es. Bevor ich etwas sagen konnte, stand der Chef in der Mitte des Zimmers. Auf seinem Gesicht war kein Lächeln zu sehen.
"Sie wissen, dass Sie nicht bei uns bleiben können, wenn das Zimmer nicht bezahlt wurde. Ich habe an Ihren Freund eine E-Mail-Bestätigung geschickt, dass seine Kreditkarte nicht belastbar ist und keine Antwort bekommen. Konnten Sie ihn sprechen?"
Die Schweizer verstanden keinen Spas, wenn es ums Geld ging. Wahrscheinlich war das eines der Geheimnisse ihres hohen materiellen Wohlstandes.
"Mein Freund ist mit der Organisation des Festivals sehr beschäftigt. Er meinte, dass wir alles klären werden."
"Ich brauche das Geld bis in einer Stunde. Sonst können Sie nicht hier bleiben!"
"Bitte um Verzeihung. Ich fühle mich sowohl Ihnen als auch ihm gegenüber unwohl", stammelte ich und holte mein Handy heraus. Ich rief Alejandro an und gab ihm den Hörer.
"Veso, ich bin super busy!", hörte ich seine Stimme und viele Geräusche im Hintergrund.
"Hier ist Manuel Bernstein vom Hostel Depot. Das Bett von Ihrem Gast ist nicht bezahlt, da Ihre Kreditkarte nicht gedeckt ist"
"Das mache ich später!"
"Ihr Gast darf hier nicht das Zimmer benutzen, wenn es nicht bezahlt wurde."
"Kann er nicht zahlen? Dann gebe ich ihm das Geld."
Herr Bernstein schaute mich erwartungsvoll an.
"Ich habe hier nur 20 Franken!"
"Er soll noch einmal hierher kommen. Ich gebe ihm das Geld", hörte ich Alejandro sagen.
"Sie müssen innerhalb einer Stunde zurück sein!"
Ich zog mich schnell an und machte mich auf dem Weg. Die Hitze war unerträglich, aber die kalte Dusche hatte geholfen. Als ich in 15 Minuten die Kirche erreichte, fand ich schnell Alejandro.
"Hier hast du 110 Franken", gab er mir zwei Banknoten. "Du sagst, du hast 20. Die gebe ich dir später zurück."
Ich nahm das Geld und ging. Die zweite Nacht im Hostel war gerettet. Ich zahlte und legte ich mich noch einmal hin. Mein Handy pipste wieder. Wieder Alejandro:
"Ich brauche deine Hilfe um 16 Uhr. Wir müssen die Bühne abbauen."
Ich hatte solche Jobs einen Sommer lang in meiner Studentenzeit gemacht. Es war anstrengend, da man viel tragen musste, man konnte aber gut verdienen und sich einen schönen Urlaub gönnen. 20 Jahre später musste ich das gleiche tun, um ein Bett im Zimmer mit drei schnarchenden Afrikanern zu teilen und anschließend einen freien Eintritt in das Konzert zu bekommen. Und das in einem der reichsten Länder der Welt. Ich schaute auf die Uhr - ich hatte eine halbe Stunde Zeit. Als ich am Kirchplatz war, läuten die Glocken gerade. Es war Punkt 16 Uhr. Die Bühne war bereits zu 80% abgebaut.
"Du kommst immer spät, Veso!", begrüßte mich mein Freund.
"Es ist genau 16 Uhr, wie du gesagt hast. Hörst du die Glocken nicht?"
Alejandro schaute mit einem strengen Blick auf sein Handy und nickte..
"Ja, ich habe es falsch gesagt! Komm, es gibt noch was zu tun."
Ich musste mit ihm einen schweren, zusammengerollten Teppich tragen. Während wir ihn schleppten, hoffte ich, dass mein Rücken mitmachte. Vor einigen Jahren hatte er mich bereits einmal im Stich gelassen und mir eine längere Bekanntschaft mit Wärmekompressen, Physiotherapiepraxen und Behandlungsliegen beschert. Doch jetzt biss ich die Zähne zusammen und packte mit an. Schließlich war ich fest entschlossen, mir mein Ticket zu verdienen.
"Das sind auch einige Holzbalken", zeigte mir Alejandro einen Stapel. "Sie müssen auch hierher", gab er mir die nächste Aufgabe zu wissen.
"Hast du irgendwelche Vouchers für Essen?", fragte ich, als wir fertig waren. Der Döner kostete 16 Franken und mein Magen knurrte.
"Nur für die Menschen, die richtig die Schichten gemacht haben!", sagte er und verschwand in der Menge.
Als ich zurück im Hostel war, sah ich meinen Zimmernachbar in der Küche sitzen und einen Kaffee trinken. Er machte einen zufriedenen Eindruck.
"Woher kommst du?", fragte ich ihn.
"Ursprünglich aus Ghana, lebe aber seit 10 Jahren in Paris."
"Hast du hier einen Stand?"
"Nein, ich arbeite als Security."
"Du bist extra aus Paris eingereist, um als Security zu arbeiten?"
"Klar - ich kriege hier das Dreifache und dazu Essen und Schlafen umsonst."
Ich überlegte, ob ich mich bei Alejandro nächstes Jahr für diesen Job auch bewerben konnte.
Das Konzert war gut. Eine Band aus Mali spielte, und die Musik ging mir unter die Haut. Ich tanzte allein, trank ein Glas Wein, das ich selbst bezahlte, und versuchte an nichts zu denken. Das war der Moment, auf den ich drei Tage gewartet hatte.
Gegen Mitternacht sah ich Alejandro in der Menge. Er lächelte und winkte. Er sah zufrieden aus, wie ein Mann, dessen Festival gut gelaufen war. Ich winkte zurück. Wir umarmten uns kurz.
"Gut, oder?", rief er mir ins Ohr.
"Sehr gut!", antwortete ich.
Das war die Wahrheit. Die Musik war gut. Die Freundschaft war kompliziert. Das Leben war beides gleichzeitig, und man musste lernen, damit umzugehen.
Am nächsten Morgen um halb sechs Uhr weckte mich die Afrikanerin mit ihrem Schnarchen ein letztes Mal. Ich kletterte vorsichtig von meiner Etage, packte meine Sachen und ging leise raus. Die Stadt war still. Die Sonne fing gerade an. In der Bäckerei um die Ecke kaufte ich einen Espresso und ein Gipfeli, wie die Schweizer ihr Croissant nennen.
Ich setzte mich auf eine Bank vor dem Hostel und trank meinen Kaffee.
130 Franken für ein Bett in der zweiten Etage. Ein Festivalpass, der keiner war. Flug und Bahn hin und zurück. Ein roter Teppich, der meinen Rücken vermutlich noch eine Woche lang beschäftigen würde.
Und trotzdem.
Ich hatte eine Afrikanerin erlebt, die schnarchen konnte wie eine Löwin. Ich hatte mich mit einem Ghanaer aus Paris über die beruflichen Perspektiven beim Festival ausgetauscht. Ich hatte eine Blondine kennengelernt, die mehr Distanz wollte, als ich ihr jemals hätte geben können. Und ich hatte gesehen, wie ein alter Freund ein Festival leitete und dabei vergessen hatte, wie man Freunde behandelt.
Das Leben war kurz und nur selten so, wie man es sich vorstellte. Vielleicht lag genau darin sein Reiz.
Ich nahm den letzten Schluck Kaffee, stand auf und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.

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