Das Happy End einer Thai-Massage

 Das Happy End einer Thai-Massage

Es war einer dieser düsteren, grauen, windigen und regnerischen Berliner Tage Ende Oktober, an denen es am besten gewesen wäre, sich in einem schönen Spa zu entspannen oder im warmen Bett mit einem guten Buch oder einer hübschen Freundin zu bleiben. Doch leider musste ich arbeiten. Seit fast einem Jahr war ich bei einer Agentur für den Vertrieb von Sportprodukten angestellt und ging jeden gottverdammten Tag mit verkrampftem Magen ins Büro. Nicht, dass die Arbeit uninteressant gewesen wäre, aber es gab da einen Kollegen, der mir das Leben zur Hölle machte. Dieser Typ war ein wahrer Meister der Intrigen und obendrein die rechte Hand des Chefs. Eine heikle Situation, aus der es scheinbar keinen anderen Ausweg als die Kündigung gab.

Wenn du den Feind nicht besiegen kannst, versuche, ihn zu umarmen“, besagte ein altes asiatisches Sprichwort, doch allein bei dem Gedanken, bei diesem Mann zu schleimen, wurde mir übel. Auch mein Körper rebellierte. Ich fühlte mich verspannt und ausgelaugt, obwohl ich genug Schlaf kriegte.

Als die Mittagspause kam, versuchte ich, mich an die positiven Seiten des Lebens zu erinnern. Irgendwo dort hinten, hinter den dunklen Wolken, die so bedrohlich nah über meinem Kopf hingen, dass ich mich ducken mußte, um nicht gegen sie zu stoßen, schien die Sonne und verteilte ihre helle Wärme. Ich schloss die Augen und stellte mir die schöne, feurige Kugel aus Helium und Wasserstoff vor. Mein Yogalehrer sagte immer, es reiche, sie zu visualisieren, um ihre Wirkung zu spüren. Er hatte recht. Zusammen mit der Wärme strömten positive Gedanken in meinen Kopf. Ich sagte mir, dass jeder Tag anders ist und man jeden Moment seines Lebens schätzen sollte.

Zuerst lud ich mich in ein kleines, gemütliches Restaurant zu einem indischen Gericht mit Fisch und Curry ein, danach versprach ich mir selbst, dass ich mir auf dem Rückweg zur Arbeit – sollte mir ein Massagesalon begegnen – auch eine schöne Rückenmassage zur Steigerung der Vitalität gönnen würde. Schließlich war der Körper das Zuhause meiner Seele, und man sollte ihn bei jeder Gelegenheit pflegen. Wenn man sich etwas von ganzem Herzen wünscht, geht es früher oder später in Erfüllung.

Keine fünf Minuten war ich mit dem Fahrrad unterwegs, als mir ein schöner Salon ins Auge fiel. Auf dunkelviolettem Hintergrund prangten in großen goldenen Buchstaben die Worte „THAI-MASSAGE“. Darunter hing ein riesiges Plakat, das den menschlichen Körper und seine Energiezentren zeigte. Diese Leute wissen genau, wo und wie sie dich anfassen müssen, um deine Lebensenergie zu steigern, dachte ich. Neben dem Plakat stand in großen Buchstaben: „HAPPY HOUR von 12:00 bis 14:00 Uhr“.

Zunächst las ich statt „HAPPY HOUR“ „HAPPY END“ und dachte mir, dass die Massage vielleicht einen erotischen Bestandteil in ihrer Endphase habe. Na ja…, dachte ich, …eine Befreiung der angesammelten negativen Energie kann mir nur guttun. Wie heißt es doch in einem bulgarischen Sprichwort: Ein hungriges Huhn träumt vom Korn. Ich konzentrierte mich und las den Text noch einmal. Dieses Mal entging mir die Bedeutung nicht. Es hieß „HAPPY HOUR“, nicht „HAPPY END“. Mit anderen Worten: Während der Mittagszeit konnte man die Massage zu einem ermässigten Preis genießen. Darunter stand in kleinen Buchstaben: „keine Erotik“. Die Leute stellten klar, dass es sich um eine nicht-erotische Massage handelte, um Missverständnisse mit hungrigen Hühnern wie mir zu vermeiden.

Ich schaute auf die Uhr und lächelte zufrieden. Es war genau 13:00 Uhr. Heute war mein Tag. Heute hatte mich das Schicksal in seine Gunst aufgenommen. Ich wusste, dass die Thai-Massage über zweieinhalbtausend Jahre alt ist und ihre Ursprünge mit dem indischen Arzt Buddhas verbunden sind. Ich konnte nur dankbar sein, in einer Stadt wie Berlin zu leben, in der Menschen aus über hundertzwanzig Ländern zusammenkamen. So konnte ich indische Gerichte genießen, zubereitet von indischen Köchen, und Thai-Massagen von Thailändern, ohne stundenlang über Berge und Meere fliegen zu müssen.

Ich drückte auf eine weiße Plastik-Klingel am schwarzen Türrahmen, und die Tür sprang auf. Eine kleine, aber kräftige, stämmige Frau, die sicher schon lange über fünfzig war, schaute mich misstrauisch an.
„Haben Sie einen Termin?“ – ihre Stimme klang, als wäre ich kein Kunde, der für eine Dienstleistung zahlen wollte, sondern jemand, der gekommen war, um sich Geld zu leihen. Die Art des Empfangs erinnerte mich an den Service in manchen Lokalen an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

Ich beschloss, dem ersten Eindruck nicht zu viel Gewicht beizumessen, und antwortete mit einem freundlichen Lächeln:
„Guten Tag! Nein, ich habe keinen Termin, aber ich würde gern eine Rückenmassage machen, wenn das ohne vorherige Reservierung möglich wäre.“
„Kommen Sie rein!“, sagte sie, riss die Tür auf und ließ mich eintreten.

Sie trug ein schwarzes Kimono-Gewand. Das linke Augenlid war so stark herabgesunken, dass sie damit nicht sehen konnte. Das verlieh ihrer gesamten Erscheinung etwas Hartes und Unberechenbares. Sie hätte problemlos als Kämpferin aus einem Shaolin-Film durchgehen können.

Sie führte mich in einen Raum von höchstens fünfzehn Quadratmetern. Ein graues Sofa stand an der Wand, daneben ein langer Glastisch. In einer dunkelblauen Vase steckte ein Strauß künstlicher grüner Blumen. An den Wänden hingen Porträts der thailändischen Königsfamilie. In der deutschen Presse war oft zu lesen, dass diese viel Zeit auf ihren Anwesen in Bayern verbrachten und dort großzügig Volksgelder ausgäben – eine Tatsache, wofür ein Bulgare schnell Verständnis und Mitgefühl aufbringen konnte.

Was ist wohl mit ihrem linken Auge passiert? Ist dieses grimmige alte Weib etwa mit jemandem aneinandergeraten?, fragte ich mich im Stillen. Vor meinem inneren Auge erschien folgendes Bild:
Ein Kunde legt sich mit ihr an. Sie reagiert mit einem Samurai-Schrei, springt mit einer Technik aus einer ostasiatischen Kampfkunst auf ihn zu und drückt ihm mit
ihren Händen die Kehle ab. In seiner Verzweiflung schlägt der Mann wild um sich und trifft sie mit dem Ellbogen so heftig am Auge, dass er diesen lebenslangen Schaden verursacht.

Mit Hilfe meiner Fantasie versuchte ich, mich in eine positive Stimmung zu versetzen. Schließlich war ich hierhergekommen, um mich zu entspannen – und dafür war ich bereit, Geld auszugeben.

Währenddessen zog die vom Kapmf gezeichnete Mitarbeiterin mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung einen schwarzen Vorhang zur Seite und führte mich in einen weiteren Raum. In der Breite war er eine Verlängerung des ersten, in der Länge zog er sich jedoch weitere sieben bis acht Meter. Darin befanden sich mehrere kleine Kabinen, voneinander getrennt durch dunkelviolette Vorhänge. In jeder stand eine Massageliege, ein Holzstuhl und ein kleiner Tisch mit verschiedenen Fläschchen Massageöl.

Hoffentlich arbeitet diese Tante nur an der Rezeption. Vielleicht ist sie die Besitzerin, die nur begrüßt, verabschiedet und kassiert – und meine Masseurin ist ein schönes, sanftes Wesen, das mich so mit positiver Energie auflädt, dass sie für eine ganze Woche, wenn nicht Monate reicht, dachte ich, als mich ein grober, befehlender Ton aus meinen Gedanken riss:
„Ausziehen und in Unterhose bleiben!“, befahl sie und zeigte auf eine Liege.

Ich gehorchte. Als ich an ihr vorbeiging, spürte ich plötzlich einen scharfen Stich im oberen rechten Rücken, irgendwo zwischen der vorletzten und letzten Rippe. Ein stechender Schmerz durchzuckte mich, als hätte mich jemand gerade mit einem spitzen Holzstock – oder eher mit einem Schraubenzieher – gestochen.
„Autsch!“, rief ich erschrocken, sprang zur Seite und drehte den Kopf in Richtung des Angriffs. Die Alte zog rasch die Hand zurück, schüttelte drohend den Kopf und verschwand.

Man sagte, bei einer Massage übernehme man die Energie des Masseurs – und ich hoffte inständig, dass es nicht die Schwingungen dieser Frau sein würden. Hätte ich in diesem Moment den Mut gehabt, sie danach zu fragen, hätte ich mir viele unnötige Emotionen erspart.

Ich zog mich aus und legte meine Kleidung sorgfältig auf den Holzstuhl, ohne sie zu falten – als wollte ich jederzeit zur schnellen Flucht bereit sein. In weißer Unterwäsche legte ich mich auf die Liege. Sie war beheizt, und die Wärme breitete sich rasch in meinem Körper aus und erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit. Dieses Gefühl verstärkte sich, als ich der sanften Entspannungsmusik lauschte: eine langsame Flötenmelodie, die mich geistig in ferne Länder trug.

Gerade war ich eingeschlummert , als mich eine laute Stimme zurückholte:
„DIE MASKEEEE!“
Der Ton war grob und stand im starken Kontrast zur ruhigen Musik. In Deutschland musste man zu dieser Zeit in Geschäften und Verkehrsmitteln Masken tragen, aber in einem Massagesalon erschien mir das übertrieben. Ich griff nach der Maske vom Stuhl und setzte sie auf.

Ich sah, wie die einäugige Dame – ebenfalls mit blauer Maske – hellblaue Plastik-Handschuhe anzog und sich Massageöl in die Hand goss. In ihrem Erscheinungsbild erinnerte sie mich an eine Ärztin vor einer Operation.

Wo Problem?“, fragte sie.
Da, wo Sie mich gerade gestochen haben!, dachte ich, sagte aber nur:
„Im oberen Rücken“, und zeigte mit der Hand.

Möge der erste Eindruck täuschen! Möge mein Körper in den Händen einer professionellen Masseurin sein!, richtete ich ein kleines Gebet und schloss die Augen.

Als die Massage begann, tauchte eine alte Erinnerung auf. Als Kind saß ich oft mit meinem Vater auf dem Sofa und sah im Fernsehen die Turniere im klassischen Ringen bei den Olympischen Spielen. Damals hatten wir einen Athleten, der Medaille um Medaille gewann und zum Stolz der Nation wurde. Er setzte sich gegen die muskulösen, behaarten Ringer aus der Kaukasus durch. Es gab einen Moment in seinen Kämpfen, der mich an meine jetzige Lage erinnerte:
Unser Mann lag mit seinem Bauch auf dem Boden und klammerte sich mit beiden Händen fest, während der Gegner über ihm wühlte und versuchte, ihn zu bewegen.

So hielt auch ich mich mit beiden Händen an der Liege fest, entschlossen, keine Schwäche zu zeigen. Doch meine Gegnerin war stark. Sie saß so nah bei mir, dass ich den festen Druck ihrer Knie an meinem Körper spürte. Mit voller Kraft knetete sie meinen Rücken, als wäre er formlose Knetmasse. Das hatte nichts mit Entspannung zu tun. Ihre Hände waren zu zwei spitzen Stäben geworden, die meinen Rücken durchlöcherten. Alles tat weh. Ich biss die Zähne zusammen und klammerte mich an die Liege, als hätte ich Angst, vor mir selbst davonzulaufen oder vor Schmerz zu schreien.

Die nächsten dreißig Minuten fühlten sich wie dreißig Stunden an. Ich fragte mich, wie andere deutsche Kunden das aushielten. Vielleicht mochten sie das Leiden. „Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“, behauptete einer ihrer großen Philosophen.

Die Angriffe der Alten wurden immer heftiger. Aus klassischem Ringen wurde Thai-Boxen. Sie stand nun auf meinem Rücken, sprang darauf herum und zerquetschte mich mit ihrem ganzen Gewicht. Ihre Fersen waren trocken und rau – sie musste viele Kilometer barfuß über steinige thailändische Landstrassen gelaufen sein. Ich fühlte mich wie eine Traube, die ausgepresst wird. Würde danach noch etwas von meinem Lebenssaft übrig bleiben?

Die Maske nahm mir die Luft. Irgendwann glaubte ich, das Bewusstsein zu verlieren, und klopfte verzweifelt mit der Hand auf die Liege – wie ein Ringer, der aufgibt. Sie hörte auf. Ich hörte, wie sie neues Öl in die Handschuhe goss. Schnell zog ich die Maske bis zum Kinn herunter und atmete tief ein. Eine Massage mit Maske fühlte sich an, als würde dich eine dritte Person am Hals packen.

Dann kam der Schmerz wieder. Keine Schraube in meinem Rücken blieb ungedreht. Sicher war ich inzwischen blau. Ich stöhnte und beschloss, diesem Sadismus ein Ende zu setzen. Mit der rechten Hand packte ich ihr Handgelenk und drückte es weg.
„Jetzt besser?“, fragte sie.
Die ist völlig verrückt!, dachte ich und begann hysterisch zu lachen. Dann antwortete ich:
„Genug!! Es reicht!!“

Ich riss mir die Maske ganz vom Gesicht und warf sie auf meine Kleidung. Mühsam drehte ich mich auf den Rücken und sah meiner Peinigerin ins Gesicht. Sie blickte mich ruhig und verständnislos mit ihrem einen Auge an.

Dreißig Minuten sind vorbei!“, verkündete sie feierlich und verschwand.

Ich richtete mich langsam auf, zahlte gehorsam zweiundzwanzig Euro statt fünfundzwanzig – Happy Hour. Sie öffnete die Tür.
„Nächstes Mal ganze Stunde! Besser!“, rief sie mir nach.

Ohne mich umzudrehen beschleunigte ich meinen Schritt.

Hätte ich eine ganze Stunde genommen, wäre ich entweder tot oder auf der Intensivstation gelandet. Langsam stieg ich auf mein Fahrrad. Die grauen Wolken streichelten sanft mein Haar, der Wind fügte sich ihren Liebkosungen, und der feine kalte Regen erfrischte mich wunderbar. Ich atmete die Berliner Luft tief ein und dachte:
Es ist so schön, am Leben zu sein!

Zum ersten Mal freute ich mich ehrlich darauf, zur Arbeit zurückzukehren.
Das war wirklich ein Happy End.


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